Gewissensfragen

Hamburg im 18. Jahrhundert: Jan Anton Kock, Sohn des Scharfrichters Anton Kock, muss nach dem plötzlichen Tod seines Vaters dessen Amt übernehmen und schon im Alter von 16 Jahren seine erste Hinrichtung vollziehen. Viele Jahre erfüllt er seine Arbeit pflichtbewusst, obwohl er dem Scharfrichterberuf zwiespältig gegenübersteht. Doch als er sich in das Lachen eines Mädchens verliebt, gerät seine Welt ins Wanken. Denn die junge Hanna Kranz, Dienstmädchen einer reichen Familie, ist des Kindsmordes angeklagt und bis zu ihrer Hinrichtung bleiben nur noch wenige Tage. Eine qualvolle Zeit für Jan Kock, aber auch für Dr. Friedrich König. Der Anwalt ist als Defensor der Hanna Kranz berufen. Als aufgeklärter Geist und Gegner der Todesstrafe versucht er ihr Leben um jeden Preis zu retten … Ein aufwendig recherchierter, spannungsgeladener Kriminalroman, der ein stimmungsvolles, authentisches Hamburg-Bild des 18. Jahrhunderts zeichnet. ................................................................................................................................................................................ Dagmar Fohl, geboren 1958, absolvierte ein Studium der Romanistik und Geschichte in Hamburg und arbeitete mehrere Jahre als Kulturmanagerin. Nach Abschluss einer privaten Gesangsausbildung war sie als Sängerin, Gesangslehrerin und Chorleiterin im In- und Ausland tätig. Seit dem Jahr 2000 betätigt sie sich schriftstellerisch und führt Lesungen durch. „Das Mädchen und sein Henker“ ist ihr erster historischer Kriminalroman. ................................................................................................................................................................................

Drei Fragen an Dagmar Fohl

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Sie wurde mir in die Wiege gelegt. Ich neigte schon immer dazu, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Das führte zu einem anschaulichen Aggressionspotential, das ich in meinen Romanen auslebe. Wie viele Verbrechen gehen auf ihr Konto? Oh, das ist eine Definitionsfrage. Ich würde sagen. Viele und keine! Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Ich denke, ich muss mich nicht für etwas verteidigen, wonach andere Menschen gieren, oder? ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Am Tag, an dem Jan Kock begann, für seine Meisterprüfung zu üben, geschah nichts außergewöhnliches im Zentrum der Stadt. Rund um die Petri–Kirche, wo er zu Hause war, bahnten sich die Menschen und Fuhrwerke ihren Weg durch das Labyrinth der schmalen und krummen Gassen. Unbeirrt von der Enge, von dem Lärm und dem Gestank wateten sie durch Unrat, Kot und Dreck. Beständig atmeten sie die fauligen Dünste ein, die aus jeder Ecke der dicht an dicht ineinander geschobenen Häuserhaufen und aus den Kanälen und Fleeten der Stadt aufdampften. Hier und da lagen Tierkadaver herum. Auch in den Fleeten und Hasenmooren, den stehenden Wasserzügen, dümpelte Aas. Wie gewohnt gingen die Menschen in Hamburg ihrem Tagwerk nach. Karrenschieber und Lastträger stoben voran. Kranzieher waren vor ihre Wagen gespannt und schleppten schwere Lasten, Pferdekutschen polterten über die Wege. Dazwischen das Fußvolk. Boten teilten Post aus, Dienstmädchen machten Besorgungen, Marketenderinnen liefen mit ihren Körben umher und verhökerten Fische, Korinthenklöven und Schnaps. An den Straßenecken sangen und spielten Drehorgelspieler und Bänkelsänger. Hier und da hockte jemand am Gassenrand und verrichtete seine Notdurft. Überall liefen und krochen Bettler umher. Sie zupften an Rockzipfeln, jammerten lauthals um eine milde Gabe. Die Gassenjungen ließen ihre Peitschen knallen, schlugen den Fußgängern zwischen die Beine, dass sie zu Boden fielen. Einige Jungen warfen Erd– und Kotklumpen durch die Fenster der Karossen. Nichts bemerkenswertes geschah an diesem Tag. Beharrlich stolperten die Menschen, rumpelten die Karren und Kutschen über das schadhafte Pflaster. Füße knickten um, Räder fuhren sich fest, versanken im Morast von Abfällen. Menschen schrien und schimpften, Pferde wieherten, Straßenköter kläfften. All der Lärm, das Geschrei, das Rattern der eisenbeschlagenen Wagenräder, das Peitschenknallen der Kutscher und Gassenjungen, all der Schmutz, der Jauchegestank, die Masse an Dämpfen, die sich zusammenbrauten und sommers wie winters als Wolke über der Stadt lagen, gehörten zum täglichen Einerlei. Abgesehen davon, dass es sich um einen besonders heißen Sommertag handelte, nahm alles seinen gewohnten Lauf. Für Jan Kock war an jenem Tag, es war der dreißigste August des Jahres 1767, nichts alltäglich. Er stand in seinem Garten hinter dem Haus, abseits des Gassenlärms, und übte. Mit einem langen Nagel durchbohrte er einige Rüben, zog eine nach der anderen auf einen Faden, legte die Rübenkette auf den Holzstamm, der als Begrenzung des Kräutergartens diente. Danach begann er das Schwert zu schärfen. Mit äußerster Sorgfalt zog er den Wetzstahl über die Klinge. Mehrmals prüfte er ihre Schärfe mit dem Daumen. Dann führte er das Schwert mit beiden Händen nach oben. Er musste genau zielen, um den Faden zwischen den Rüben zu durchtrennen. Acht Mal schlug er zu. Immer wieder fehlte er. Acht Mal hieb er in das Rübenfleisch. Er übte so lange, bis das Schwert den Faden zertrennte, ohne die Rüben zu verletzen. Danach versuchte er es mit toten Ziegen. Ziegen hatten besonders starke Nackenwirbel. Es war nötig, stark genug zuzuschlagen und das Schwert so präzise zu führen, dass es den Dornfortsatz und die beiden Querfortsätze des Halswirbels zerschnitt. Ein einziger waagerecht mit beiden Händen geführter Hieb musste das Haupt vom Rumpf trennen. Er holte kräftig aus. Klack. Ein sauberer Schnitt. Jan Kock übte ohne Unterlass, denn er hatte Angst. Unbändige Angst. Er wollte nicht wie viele andere Scharfrichter von der aufgebrachten Volksmenge gesteinigt oder erschlagen werden, wenn er fehlte. Sein Vetter Hans in Lüneburg wäre beinahe umgekommen. Noch ganz beherzt und ohne Zögern hatte Hans dem Verurteilten die Haare abgeschnitten. Als er ihn dann aber hinrichten sollte, da torkelte und taumelte er, und erst mit vier Streichen schnitt er dem Delinquenten den Kopf ab. Hans war dem wutentbrannten Pöbel nur entkommen, indem er sich ins Gefängnis flüchtete. „Übe, mein Junge, übe“, sagte der Vater auf dem Totenbett, „Ein Scharfrichter kann sich keine Fehler leisten. Gefährde nie deine Familie und dein eigenes Leben. Werde ein guter und gewissenhafter Scharfrichter.“ Schon einige Male hatte Jan Kock dem Vater bei Hinrichtungen assistiert, hatte den Verurteilten Wein reichen und sie festbinden müssen. Er kannte das Geräusch, wenn das Schwert durch den Hals fuhr. Auch das Rauschen und Spritzen des Blutes, das wie eine Fontäne aus dem Halse schoss, und die Totenblässe, die sich auf dem verblutenden Gesichte zeigte. ¬Einmal, bei einer Kindsmörderin, die der Vater gerichtet hatte, war noch Leben im angeschlagenen Kopfe, die Wangen waren rosig geblieben und die Lippen bewegten sich, als würden sie lautlose Worte sprechen, als sagte sie, man solle doch ihren Kopf wieder auf den Rumpf setzen. Wie ist es, einen Menschen zu köpfen, mit eigenen Händen? Wie ist es, eine Frau zu köpfen? Was fühlt man dabei? Wäre er imstande, das zu tun, was man fortan von ihm verlangte?

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