Miss Moore ermittelt nicht mehr
Im Herbst vergangenen Jahres starb mit hundertundeinem Jahr die Journalistin und Krimiautorin Ruth Weiss
Ein Nachruf auf unser Ehrenmitglied von Lutz Kliche
Ihr Lebensweg war ein besonderer und gleichzeitig ein typischer für viele Jüdinnen und Juden ihrer Generation: Geboren 1924 in eine deutsch-jüdische Familie in Fürth, musste sie 1936 mit ihrer Familie vor der Verfolgung durch das Naziregime aus Deutschland fliehen. Sie selbst hat es so beschrieben:
„Mein Leben war geprägt durch zwei Umstände: meine Geburt als Jüdin im Deutschland vor dem Nationalsozialismus, die Erfahrung von Rassismus als Antisemitismus und die Flucht vor Verfolgung und Vernichtung, wie sie Millionen von Jüdinnen und Juden erleiden mussten. Und durch das Ziel meiner Flucht: Südafrika, ein Land, in dem ich den Rassismus als Ausgrenzung aller „nicht-weißen“ Menschen unter dem menschenverachtenden System der Apartheid, der Rassentrennung, erlebte. Diese zwei Erfahrungen ergänzten und verstärkten sich gegenseitig, und brachten mich zu einer konsequenten Haltung gegenüber jeglicher Art von Ausgrenzung, Diskriminierung und ungerechter, erniedrigender Behandlung anders aussehender, denkender, glaubender, liebender und lebender Menschen.“
Toleranz und Respekt, aber auch klare Haltung gegenüber jeglicher Form von Ungerechtigkeit: Diese Haltung, diese Werte leiteten Ruth Weiss während der vielen Jahre ihrer Arbeit als Journalistin und Korrespondentin namhafter Zeitungen, für die sie vor allem in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren über den Prozess der Befreiung und Entkolonisierung im südlichen Afrika berichtete – das Ende der Apartheid in Südafrika und den Beginn der Demokratie mit Präsident Nelson Mandela an der Spitze war so etwas wie ein Schlusspunkt ihrer beruflichen Karriere.
Doch zur Ruhe setzte sie sich nie: Endlich konnte sie in der 1990er Jahren mit dem Schreiben von Romanen beginnen, darunter auch viele Kriminalromane. Meist hatten sie mit der Geschichte der Verfolgung von Jüdinnen und Juden oder der politischen Entwicklung in Afrika zu tun. Besonders hervorheben lässt sich die Reihe ihrer „Miss-Moore-Krimis“, in denen die Hauptfigur, Miss Emily Moore, ehemalige Geheimagentin ihrer Majestät der Königin, in ihrem Ruhestand Mordfälle löst, in England, Deutschland, Dänemark, Südafrika, Zimbabwe … Krimis im „klassischen“ Format, geschrieben mit wunderbarem, sehr englischem Sound und Humor, deren Protagonistin natürlich so etwas wie ein „Alter Ego“ der Autorin war.
Mit ihrer großen Klugheit, ja, Weisheit, ihrer Warmherzigkeit, ihrem Mut und ihrem unbedingten Respekt gegenüber allen Menschen hat Ruth Weiss zahllose Menschen inspiriert. Sie wird fehlen. Aber sie lebt fort in ihrem schriftstellerischen Werk.