Straßenköter
Kriminalroman
Jürgen Heimbach
ars vivendi
Broschur
Ein rasanter 70er-Jahre-Thriller von Glauserpreisträger Jürgen Heimbach
1975 – während in Stammheim der Prozess gegen die Führungsriege der RAF beginnt, schlägt sich der junge, unpolitische Marlon, der vor Jahren aus dem Kinderheim ausgebüxt ist, in Hamburg als Kleinkrimineller durch. Als er sich dann aber als Fluchtwagenfahrer bei einem Banküberfall beteiligt, ist plötzlich nicht nur die Polizei hinter ihm her – auch die Schwerverbrecher, mit denen er sich eingelassen hat, wollen ihm an den Kragen. Und die Politik holt ihn doch noch ein, als er sich mit einem Mal den Knarren von Terroristen ausgesetzt sieht, die ihre einsitzenden Kampfgefährten befreien wollen. Marlon hetzt durch ein aufgeheiztes Land und ist dabei zugleich immer auf der Suche nach seinem verschwundenen Vater …
Erfolgsautor Jürgen Heimbach präsentiert einen packenden, kompromisslosen Roman um einen jungen Drifter, der mit den Gespenstern seiner Vergangenheit und sehr realen Verbrechern konfrontiert ist
Jürgen Heimbach
1961 in Koblenz geboren und dort aufgewachsen, Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann, während des zeitweisen Germanistik- und Philosophiestudiums in Mainz als Regieassistent am Staatstheater Mainz sowie Regisseur einer freien Theatergruppe und Mitbegründer und –betreiber eines Theaters ins Mainz. Ausstellungstätigkeit, Redakteur bei 3sat, diverse Jurytätigkeiten im Bereich Theater, Jugendliteratur und Kriminalfilm. 2008 erschien der Jugendkrimi „Johannes’ Nacht“, 2009 der Kriminalroman „Plötzlicher Tod einer Nutte“, 2011 der Kriminalroman "Chagalls Rache", 2012 der erste Teil einer Nachkriegs-Kriminalroman-Trilogie mit "Unter Trümmrn". Es folgte 2014 der zweite Teil "Alte Feinde". "Offene Wunden" (2016) beendet die Trilogie um Kommissar Paul Koch. "Unter Trümmern" und "Alte Feinde" waren für den Krimi-Blitz der Krimi Couch nominiert. 2019 erschien der Roman noir "Die Rote Hand" im weissbooks Verlag (frankfurt/M.), 2020 die Taschenbuchausgabe im Unionsverlag (Zürich) und das Hörbuch. "Die Rote Hand" wurde im April 2020 mit dem Glauser Preis 2020 als Bester Kriminalroman des Jahres ausgezeichnet. Der 2021 im Unionsverlag erschienene Kriminalroman "Vorboten" stand auf der Longlist des Crime Cologne Award. Im März 2024 erschien der Kriminalroman "Waldeck, der im Jahr 1964 spielt, der ebenfalls auf der Longlist des Crime Cologne Awards stand. Im Juli 2026 erscheint der Kriminalroman "Straßenköter" im ars vivendi verlag. Zudem hat Jürgen Heimbach eine Reihe von Kurzkrimis in Anthologien veröffentlicht.
Fragen der SYNDIKATS-Redaktion an Jürgen Heimbach
Wo schreibst du am liebsten?
An meinem Schreibtisch, wo ich alles, was ich brauche, um mich habe.
Welcher ist dein Lieblingskrimi?
Es fällt mir schwer, einen zu nennen. Lieber hebe ich drei hervor, die mein Schreiben beeinflusst haben, auch was den Verzicht auf eine (klassischen, also Polizist oder Detektiv) Ermittlerfigur angeht: Frederick Forsyth „Die Akte Odessa“, das unten beim Lieblingsmord erwähnt Buch „Die Verliese des Vatikan“ von André Gide und „Winters Knochen“ von Daniel Wodrell.
Dein Lieblingskollege/Lieblingskollegin?
Auf diese Frage wage ich keine Antwort.
Warum bist du im SYNDIKAT?
Mir gefällt es, mich mit Gleichgesinnten auszutauschen.
Dein Lieblingswort?
Scherge.
Dein Sehnsuchtsort?
Triest – ich hoffe, dass ich nicht enttäuscht sein werde, wenn ich endlich dorthin komme.
Dein Lieblingsgetränk?
Ein guter trockener Weißwein, gerne ein Silvaner, Scheurebe oder Grüner Veltliner.
Dein Lieblingsmord?
Der ‚acte gratuit‘ in André Gides „Die Verliese des Vatikan“. Die Idee des ‚acte gratuit‘ fasziniert mich seit dem ersten Lesen des Buches.
Wo findest du Ruhe?
Beim Kochen.
Wo Aufregung?
Im Straßenverkehr.
Deine persönlich meist gehasste Frage?
Es gibt Fragen wie „Wann schreibst Du eigentlich deine Bücher?“, die mich manchmal nerven, aber hassen wäre viel zu stark.
Leseprobe
Planänderung
Alles war haarklein geplant. Sie hatten die Abläufe immer wieder durchgesprochen, hatten sie auf dem verlassenen Gelände einer Fabrik in Hammerbrook geübt, waren durchgegangen, was schiefgehen konnte. Vom Auto, dass nicht ansprang, das einen Motorschaden erlitt, der Bankangestellten oder der Kundin, die plötzlich mutig wurde, bis zum Schuss, versehentlich abgegeben, der eine Panik auslöste. Dennoch verspürte Marlon eine gewisse Unruhe. Es war seine erste Bank, da konnte, da durfte er ein wenig nervös sein. Aber das war es nicht. Ihn beunruhigte, dass er nicht auf seinem Kiez war, wo er sich auskannte, wo er sich bewegte wie ein Fisch im Wasser, wie mal einer der Politischen in einer Kneipe gesagt hatte. Das fand er gut. Ein klares Bild. Das er gut auf sich anwenden konnte. Obwohl er immer wieder gegen den Strom geschwommen war und dabei mehr als eine Schramme davongetragen hatte. Der Schmerz in seiner Brust machte sich gleich mit dem Gedanken bemerkbar. Und ihn beunruhigte vor allem, dass er keinen der anderen kannte, dass sie ein anderes Kaliber als er waren, dass sie schon mehrere Banken gemacht hatten, so wie sie redeten, und nicht nur Banken.
Obwohl hier draußen auf der Uhlenhorst alles, gelinde gesagt, etwas besser, etwas sauberer, etwas größer aussah, war das Wetter auch nicht besser als bei ihm in St. Georg. Das konnte man sich nicht kaufen. Dafür musste man in den Flieger steigen. Nach Florida oder vielleicht Hawaii. Hier war es diesig wie auf seinem Kiez, ein leichter Nieselregel hatte bis vor einer halbe 7 Stunde die Straßen benetzt, schmierig und hinterhältig rutschig gemacht, dazu schrubbte ein starker Wind durch die Bäume und an den Hauswänden entlang. Typisch Hamburg, gleich, ob du in St. Georg oder auf St. Pauli oder auf der Uhlenhorst bist. Nur dass die Buden hier eben schicker und die Betten weicher sind.
Aber egal. Wegen der schicken Buden und Betten war Marlon nicht hier. Es galt, Garys Plan umzusetzen. Ein Plan, der Marlons Geldsorgen beheben würde. Zumindest für eine gewisse Zeit. Der Plan klang gut. Gary, Micha und der große Kerl, dessen Namen er sich nicht merken konnte, der aber mal ein bekannter Schränker gewesen sein soll, würden in die Bank stürmen, und er, Marlon, schräg gegenüber in dem braunen Ford Consul mit den vier Türen warten. Weit genug entfernt, um nicht verdächtig zu erscheinen, und nah genug, um den Ein gang im Blick zu haben. Um halb drei sollte er da sein und beobachten. Wenn er etwas Verdächtiges bemerkte, würde er aussteigen und den Kofferraum öffnen – das Zeichen für die an deren, die Sache abzubrechen. Punkt fünfzehn Uhr würden sie den Kassenraum betreten, er den Motor starten, wenden und vor den Eingang der Bank rollen. Sobald die drei im Wagen säßen, würde er losfahren. Keine quietschenden Reifen, kein aufheulender Motor. Ruhig und besonnen, wie ein Sonntagsfahrer. Micha hatte extra einen Hut mit Gamsbart besorgt und auf die Ablage hinten gelegt. Dabei gelacht. Gary nicht.
Wie wenig Sinn für Humor er hatte, war Marlon schon früh aufgefallen. Auch an dem Mittag, als sie sich auf dem Fabrikgelände getroffen hatten, um noch einmal alles durchzugehen.
