Fremder Tod
Michael Kibler

Fremder Tod

Jana Welzers erster Fall
ersch. November 2020
ISBN 9783492062367
15,– € [D], 15,50 € [A]
     

Der Tod ist ihr Beruf. Als Nachlasspflegerin kümmert sich Jana Welzer um das, was von einem Leben übrig bleibt, wenn es keine Angehörigen gibt. Hartnäckig und mit detektivischem Spürsinn arbeitet sie sich in ihre Fälle ein. Das gefällt nicht jedem, hat Jana aber schon mehrfach auf die richtige Spur gebracht. Auch ihr neuer Fall hat es in sich: Ein psychisch kranker Mann hat sich das Leben genommen. Doch warum ist der Tote in keinem Melderegister zu finden und lebte unter falscher Identität? Und warum liegen große Summen Bargeld in seiner Wohnung? Jana Welzer wittert ein Verbrechen und beginnt zu recherchieren.

Michael Kibler

Michael Kibler

geb. 1963, studierte Germanistik in Frankfurt. Magister 1991, Promotion 1998. Seit 1992 der schreibenden Zunft zugehörig, zunächst als Autor von Groschenromanen bei Bastei. Ab 1997 Texter und PR-Profi, seit 2005 auch Krimischriftsteller. Bisher gibt es elf Kriminalromane um das Darmstädter Ermittlerteam um Steffen Horndeich: akutell "Treueschwur" (Nov. 2017).

Rezensionen

»Ein ungewöhnlich glaubwürdiger Kriminalroman, der auf jegliches Klischee verzichtet.«
Büchermagazin März 2018

Ein exklusives Interview von Michael Kübler mit der SYNDIKATs-Redaktion

Warum bist du im SYNDIKAT?

Antwort: Ganz einfach. Du sitzt an der Bar. Schweigend. Zehn Leute um dich rum. Kaltgetränk vor dir. Du hast einen roten Kopf. Nicht wegen Fieber oder so. Sondern weil das Gedankenkarussell im Formel-1-Tempo rotiert. Dann reißt du den Kopf hoch und ruftst begeistert aus: „Jetzt weiß ich, wie ich die Schwiegermutter massakriere“. Keiner zuckt auch nur zusammen. Jeder schlürft weiter am Gin. Drei grinsen. Eine nickt. Niemand holt die Polizei. Ist doch die perfekte Gesellschaft, oder?            

Dein Lieblingswort?

Antwort: Prokrastinieren 

Dein Sehnsuchtsort?

Antwort:  Schloss Neuschwanstein. Einmal einen Tag nur für mich ;-)   

Dein Lieblingsgetränk?

Antwort:  Bunnhabhain 18 yrs.

Wo findest du Ruhe?

Antwort:  In der Badewanne.     

Wo Aufregung?

Antwort: In der Badewanne. Ganz unter Wasser.          

Dein Lieblingsmord?

Antwort: Siehe Antwort auf die nächste Frage.

Deine persönlich meist gehasste Frage?

Antwort: „Herr Kibler, wie kommen Sie denn eigentlich auf Ihre Ideen?“ Obwohl, ich sollte gnädig sein: Die Frage hat mich sicher schon zu 11 Morden inspiriert. Davon 8 virtuelle …             

Leseprobe

Caesar I

Cory hustet. Ist so ein komischer Husten. Irgendwie trocken. Ich habe sie eingerieben. Mit der Billigversion von Pinimenthol. Kostet keine zehn Euro, sondern nur zwei Euro fünfzig. Verschreibt aber kein Arzt. Muss man selbst bezahlen.

Was soll ich machen? Seit vorgestern bellt die Kleine so und heute kam das Fieber dazu. Die arme Maus weint die ganze Zeit. Cory liegt in meinem Bett. Die beiden Großen, Chris und Cassy, haben die Tür zu ihrem Zimmer zugemacht. Die Großen können wenigstens schlafen, ich kann es nicht, das habe ich mit Cory gemeinsam.

Ich habe gestern Bescheid gesagt im Supermarkt. Dass mein Kind krank ist. War mit Cory auch schon bei der Kinderärztin. Die hat irgendwie die Stirn gekräuselt, dann aber etwas von Grippe erzählt, Zäpfchen gegen das Fieber, wenn es kommen sollte. Ansonsten: Pinimenthol, vielleicht Nasenspray für Kleinkinder und ansonsten: aussitzen.

Bis gestern hat sie ja nur gehustet. Jetzt bin ich froh, dass ich auch die Zäpfchen gegen das Fieber habe. Die Finger ihrer kleinen Hand umfassen meinen kleinen Finger.

Habe das alles ja schon zweimal durchgemacht. Christian, den ich nur Chris nenne, wie alle anderen auch, ist zwölf. Auch er ging durch alle frühen Krankheiten, die das Immunsystem doch stärken sollen. Cassandra, sie ist jetzt neun, sie hat das alles auch hinter sich gelassen.

Jedes Kind muss ein paar heftige Krankheiten durchleiden, damit es gestärkt ins Leben starten kann. Oder so ähnlich. Ich habe da mal einen Vortrag gehört. Der Vortrag hat neunzig Minuten gedauert. Ein toller Vortrag. Inspirierend. Ändert auch nichts daran, dass ich jetzt in dieser Nacht bereits seit dreihundert Minuten neben meiner Tochter liege, die seufzt, aufheult, hustet, für wenige Minuten einschläft, um dann für viele Minuten wieder aufzuwachen und weiterzuhusten. Überflüssig zu sagen, dass ich die ganze Zeit wach bin.

Ich muss morgen nicht arbeiten. Wenn ein Kind krank ist, dann kann ich als alleinerziehender Vater ein paar Tage bei meinem Kind bleiben. Drei werden wohl akzeptabel sein. Aber wer bringt die Mittlere und den Großen in die Schule? Mein Schwiegervater wird einspringen. Um sechs Uhr dreißig steht er auf der Matte, hier, bei uns mit seinen fünfundsiebzig Jahren. Er wird bei der Kleinen bleiben, während ich den Fahrdienst mache. Hoffentlich steckt er sich nicht an … Ich fahre Cassy und Chris in die Schule. Sehen wir es einmal positiv: Sowohl die Kinderkrippe als auch die Schule befinden sich im Nachbarort. Gut vier Kilometer entfernt von meinem Haus.

Wieder zu Hause versuche ich, ein wenig zu schlafen. Mein Schwiegervater ist gegangen. „Papa“, murmelt die Kleine, und ihre Finger umfassen meinen kleinen Finger noch fester. Papa. Es war das erste Wort, das sie gesagt hat. Nicht Mama. Denn Mama gab es nicht mehr, als Cory angefangen hat zu sprechen. Ich habe keine Ahnung, wieso sie das Wort mit dem P und nicht das Wort mit dem M gewählt hat. Aber sie hat mich angesehen und hat ‚Papa‘ gesagt. So wie jetzt. Und in der Stunde davor. Und am Tag davor und in den Monaten davor. Papa. Synonym für: Fels in der Brandung.

Ich wünschte, ich könnte das sein.