Spannung plus Geschichte zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

1989: Die DDR hat abgewirtschaftet. Korrupte Funktionäre bereichern sich  durch staatlichen Kunstraub und Enteignung privater Antiquitäten. Wahlfälschungen bringen das Fass zum Überlaufen. Wie soll es weitergehen? Das Regime will den realen Sozialismus reformieren, die Gegner fordern die Wiedervereinigung unter kapitalistischen Vorzeichen. Doch Christian träumt von einem dritten Weg, vom demokratischen Sozialismus. Und privat muss er sich zwischen Beata und Dorisa entscheiden. Wem wird er folgen?
Kritikerstimme:
"Das Buch ist weniger ein Krimi als ein interessanter Roman zu den Ereignissen der Wende." Elisabethjuliane auf lovelybooks.de
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Dieter Bührig … … studierte Elektrotechnik, Musik für das Lehramt an Gymnasien,  absolvierte den Studiengang Tonmeister und promovierte außerdem an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Er arbeitete als Tonmeister und Musikproduzent, unterrichtete Musik und Physik und war verantwortlich für eine überregional beachtete Chorarbeit. Zeitweise bildete er als Studienleiter Musikreferendare aus und publizierte zahlreiche Fachbeiträge zur Musikpädagogik sowie Chorarrangements. Kriminal- und andere Romane zu schreiben, gehören wie die Musik zu Dieter Bührigs Leben. Er ist Mitglied im Lübecker Autorenkreis. Mehr über Dieter Bührig. ................................................................................................................................................................................

Dieter Bührig

Wie begann Ihre Kriminelle Laufbahn? Im Jahre 2010 mit „Schattengold“, da ließ ich etliche Menschen dafür büßen, dass sie mir bei meinen kriminellen Leidenschaften ins Gehege kamen … Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Sieben, davon zwei in historischen Umständen … Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Ich bin Triebtäter, ich kann nicht anders und bitte daher um mildernde Umstände … ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

(In der Nacht zum 14. Dezember 1979, Westflügel des Gothaer Museums Schloss Friedenstein, DDR) »In Deckung!«, rief der längste von den Dreien und nahm Reißaus. Den anderen beiden war dieser Befehl so vertraut, dass sie, ohne eine Sekunde zu zögern, zur Seite sprangen. Krachend fiel der Wurfanker auf den Rasen und hinterließ eine hässliche Narbe. Die Zinke hatte keinen Halt finden können und war an der regennassen Dachrinne abgeglitten. »Idiot!«, schnauzte der Lange den Kleinen an. »So wird das nie was mit dir.« Und der Dicke konnte es sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: »Damit kannst du im Staatszirkus keine Karriere machen.« »Schnauze!«, kommandierte der Lange. »Jetzt keine politischen Anspielungen!« Er buddelte den Wurfanker wieder frei, rollte das Kletterseil sorgfältig in großen Schleifen auf, sodass es sich nicht verheddern konnte, und trat ein paar Schritte zurück. »Ich werd’ das mal machen. Passt auf und haltet die Steigeisen bereit!« Er musterte den Dachvorsprung. »Da oben links, wo der Blitzableiter sich abzweigt, da wird es gehen. Außerdem sind wir da ganz dicht am Oberlicht dran.« Wie ein geübter Diskuswerfer schwang er Anker samt Seilschlingen ein paar Mal hin und her, bis er das Bündel mit einem entschiedenen Ruck nach oben warf. Der Wurfanker verfing sich sofort an der Schelle des Blitzableiters. »Na also, geht doch!«, prahlte der Lange. »Hat die Pionierausbildung mal zu was Gutem genutzt.« Dann prüfte er mit einem kurzen Ruck, ob das Kletterseil die Belastung aushielt. »Alles OK!« Dem Dicken befahl er, das Sicherungsseil zu nehmen. Die beiden anderen schnallten sich Steigeisen unter die Stiefel. Der Kleine musste als Erster rauf, weil er angeblich das geringere Gewicht hatte. In Wahrheit wollte der Lange die eigene Haut retten und schickte den Kameraden vor, um zu sehen, ob das Seil wirklich halten würde. Wenn nicht, hätte der Kampf um das sozialistische Vaterland wieder einmal ein Opfer mehr gekostet. Hauptsache, er war es nicht. Der Kleine streifte sich seine Arbeitshandschuhe über, klinkte sich den Karabinerhaken des Sicherungsseils an die Gürtelschnalle, befestigte eine zweite Kralle am Hosenbund und kletterte geschickt die Regenrinne hoch. Der Dicke führte es von unten nach. Oben angelangt, klammerte sich der Kleine an der Regenrinne fest und hangelte sich am Blitzableiter hoch, der von dort schräg bis zur Dachspitze führte. Alles hielt. Gute deutsche Wertarbeit, Genosse Dachdecker, ging es dem Kletterkünstler durch den Kopf. Schnell erreichte er das Oberlicht. Mit einem kräftigen Tritt zerbrach er die Fensterscheibe. Der Klimaschreiber registrierte sofort einen Temperaturabfall. Um zwei Uhr nachts. Die restlichen Splitter entfernte der Mann mit seinen durch die Handschuhe geschützten Fingern. Dann hakte er die Reservekralle in den Fensterrahmen und führte das Sicherungsseil durch eine Öse. Das alles war für ihn Routine, das war Bestandteil der Pionierausbildung, um in ein feindliches Haus einzudringen. Doch dieses Mal war es kein feindliches Haus, sondern im Gegenteil ein Kulturerbe des Arbeiter- und Bauernstaates. Aber darüber machte sich der Kleine keine Gedanken. Schließlich hatte er seine Befehle. Und die kamen von allerhöchster Stelle. Geheime Kommandosache. Zum Wohle der Werktätigen, wie man ihm mit geheimnisvoll bedeutsamer Miene erklärte. Ohne Skrupel schwang er sich in den Raum hinein, schraubte seinen Karabinerhaken los und ließ ihn samt Leine nach unten gleiten: »Der Nächste bitte!« Für den Langen war es nun ein leichtes, seinem Kumpan zu folgen, nachdem er den Rucksack mit den notwendigen Werkzeugen, Materialien und zusammengewickelten Transporttaschen über die Schulter geworfen hatte. Oben angekommen, faltete der Gruppenführer einen Lageplan auf. »Also. Wir gehen jetzt hier über die Dachkammern zum Wartungsraum. Von dort haben wir direkten Zugang zum Ausstellungssaal.« »Und die Alarmanlage?«, fragte der Dicke besorgt. »Dummkopf!«, schnauzte der andere ihn an. »Wenn ich was plane, dann achte ich auf jedes Detail. Ich weiß, dass die neue Alarmanlage erst in drei Tagen aktiviert werden soll.« Er lächelte vor sich hin. »Ich habe mir Rückendeckung von ganz oben verschafft.« Das Notlicht leuchtete den Museumssaal nur spärlich aus, aber es reichte den beiden, um sich zurechtzufinden. Der Lange packte seinen Rucksack aus und entfaltete die Transportsäcke. Mit Kennerblick zeigte er auf einige Gemälde und kommandierte: »Also nur den da, die beiden dort drüben, den neben der Tür und den da hinten. Auf keinen Fall rührst du ein anderes Bild an, verstanden? Wir wollen die Kuh ja nur melken, nicht schlachten.« Der Dicke verstand das zwar nicht, aber es war ihm egal. Befehl ist eben Befehl. Wird schon seine Richtigkeit haben. Immerhin war die Aktion Teil des Klassenkampfes, hatte man ihm versichert, da musste man nicht seinen eigenen Kopf bemühen. Er zog ein Teppichmesser aus der Hosentasche und wollte sich zuerst an das ›Selbstbildnis mit Sonnenblume‹ von Anthonis van Dyck heranmachen. Doch die Figur auf dem Gemälde lächelte ihn über die Schulter von der Seite her so entwaffnend an, dass er zögerte, das Messer anzusetzen. Eigentlich nicht übel, das Bild, überlegte der Kleine. Viel zu schade für den Kapitalismus. Könnte auch gut in meinem Schlafzimmer hängen. Susanne würde sich bestimmt freuen. Doch er wurde brutal aus seinen Träumen gerissen. »Schwachkopf! Weg mit dem Messer! Wir schneiden die Bilder nicht aus, wir nehmen sie samt Rahmen mit.« »Aber …« »Schnauze. Ist Befehl. Wir hüllen sie jeweils in einen der Säcke und lassen sie nacheinander nach unten gleiten. Der weitere Abtransport ist schon organisiert.« Die Aktion dauerte nicht länger als eine halbe Stunde. Nachdem die fünf Gemälde verschwunden waren, warf der Lange eine Rolle Tesafilm und einen Schraubenzieher aus Titan, so wie man ihn nur in der BRD herstellte, auf den Boden. Dann befahl er, auch ein Steigeisen liegenzulassen. ›Made in Solingen‹ stand darauf. »Damit die Staatssicherheit morgen früh auf die richtige Fährte zum Klassenfeind geführt wird«, erklärte er dem verdutzten Kollegen. »Die sind doch so bescheuert, dass sie alles fressen, was man ihnen vor die Schnauze wirft.« Der Kleine schwieg. Einen derart lockeren Umgang mit der Stasi war er nicht gewohnt. Besser die Klappe halten, als sich an der höheren Politik die Finger verbrennen, war seine Devise.
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