Schweizer Irrwitz bis und Obsessionen

Peter Studer wird zum Helden wider Willen. In London spürt er mit seinem hochsensiblen Gehör auf einem Themseschiff eine Bombe auf, die vom Sicherheitsdienst übersehen wurde. Als er aber, im Irrglauben, eine weitere Bombe entdeckt zu haben, an den Paralympics eine harmlose Rollstuhlfahrerin attackiert, macht er sich unmöglich. Peter wird nach Paris abgeschoben. Dort trifft er auf Valérie Bisou, die im Panthéon eine sonderbare Abweichung an Foucaults Pendel erforscht. Valéries Leben ist auch ohne Peter kompliziert genug.
 Mit ihm an der Seite gerät ihre schwarz-weisse Welt jedoch gehörig ins Wanken. Dann gibt es die ersten Toten. Auf der Flucht in die vermeintliche Sicherheit eines Schweizer Bergdorfes werden Peter und Valérie getrennt. Finden die beiden wieder zusammen? Was ist die Verbindung zum skurrilen Flugunfall mit dem Riesenrad in Kanada? Wer zieht im Hintergrund die Fäden? Kritikerstimme: "Schon auf die Geschichte, die sich Tom Zai ausgedacht hat, muss man erst einmal kommen. Und dann sind da diese herrlichen Figuren. Skuril, eigen- und einzigartig, ausgestattet mit allerhand Ticks und seltsamen Verhaltensweisen. (…) Erzählt und geschildert wird das überwiegend mit total lakonischem, aber irrwitzigem Wortwitz, ab und zu, wenn die Situationen einfach zu surreal wird, auch einmal slapstickartig. Ganz gross(artig) auch die Dialoge. Was habe ich gelacht! Und gestaunt, auf was für Einfälle ein Autor so kommen kann ... einfach nur köstlich." Alice Gabathuler, Hansjörg-Martin-Preisträgerin 2014. ................................................................................................................................................................................ Tom Zai stammt aus Bad Ragaz in der Schweiz und arbeitet und lebt in Walenstadt. Er schreibt Romane, Kurztexte und einen literarisch-satirischen Blog. Wenn seine Berufe, Lehrer und Autor, sich die Hand reichen und sein Hobby, die Musik, dazukommt, entstehen Schulmusicals. Sein Debütroman im Appenzeller Verlag, „Zufallshelden“ (2014), ist ein skurriler Thriller über Menschen mit Ticks, Obsessionen, aber auch aussergewöhnlichen Fähigkeiten. Mehr über Tom Zai. ................................................................................................................................................................................

Tom Zai im Verhör

Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden? Mich beschäftigen die Fragen: Was ist Glück? Was ist Schicksal? Was ist Zufall? Die Antworten darauf führen fast wie von selbst an die Abgründe der menschlichen Existenz. Dazu gehören auch Verbrechen - in meinem Fall organisierte. Was ist Ihre Lieblingstatwaffe? Eine Gasflasche, die zur Rakete wird. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Alltägliche Situationen, Erlebnisse machen sich in meinem Kopf selbständig. Sie entwickeln ein alternatives Eigenleben. Es entstehen mehrere Paralleluniversen, die ich schreibend dokumentiere. Ich plädiere auf unzurechnungsfähig. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Der Zusammenstoss mit der ihm nachfolgenden Dame war heftig. Er hielt sich die Nase. Ein metallischer Geschmack machte sich in seinem Mund breit. Tränen schossen ihm in die Augen. Sie allerdings hatte die volle Wucht seiner unerwarteten Kehrtwende abbekommen. Die schwere Tasche in ihrer Hand hatte die Wirkung des Zusammenpralls noch verstärkt und ihr zusätzlichen Schwung verliehen. Auf einem Schuhabsatz stehend, machte sie eine volle Rückwärtsdrehung und knallte Peter die Tasche mit einer Rückhand, die sich gewaschen hatte, mitten ins Gesicht. Damit wurde ihr Schwung fast augenblicklich abgebremst. Da die Fliehkraft nun fehlte, folgte ihr zierlicher Körper Newtons Gesetz der Schwerkraft. Die Frau liess die Tasche fallen und ruderte wild mit den Armen. Peter erfasste die Situation zwar nicht augenblicklich, hatte dann aber doch die Geistesgegenwart, die Hand nach ihr auszustrecken. In ihren Augen flackerte Panik auf. Sie zögerte einen Augenblick zu lange – vielleicht aus Angst, gestossen zu werden. Er machte einen Ausfallschritt und packte sie, ob sie wollte oder nicht, am Handgelenk und bewahrte sie vor einem filmreifen Stunt über die ganze Treppe. Die Leute vor dem Panthéon starrten sie an. Es war noch nicht klar, ob es sich hier um einen verhinderten Unfall oder um einen noch nicht beendeten Angriff handelte. Peter hatte die Dame so weit stabilisiert, dass diese wieder sicher stehen konnte. Ihr Handgelenk hielt er noch immer umklammert. Vielleicht aus Angst, sie könnte doch noch fallen, oder aus Angst, sie würde wegrennen, ihn schlagen, die Tasche nehmen, einfach gehen, um Hilfe rufen. Dabei verlor er sich in ihren Augen und wusste gar nichts mehr. Sie aber hob ihre andere Hand, formte sie zu einer Kralle, fauchte ihn an wie eine Katze und bleckte die Zähne, als würde sie gleich zubeissen. Erschrocken liess er sie los und trat zurück. Zurück hiess in diesem Fall aufwärts. Aus ihrer Sicht wirkte er nun noch grösser und bedrohlicher. Also ging er seitlich in gebührendem Abstand die Treppe wieder hinunter, bis er eine Stufe tiefer stand als sie. Nun waren ihre Augen auf derselben Höhe. Sie hatte die Linke noch immer zur Kralle erhoben. „Chchchchchchchch!“, machte sie noch einmal etwas leiser. Peter hob die Hände mit den Flächen nach aussen. „Ich komme in Frieden“, sagte er auf Englisch und wunderte sich, dass ihm nichts Dümmeres eingefallen war. Einen kurzen, irren Moment lang war er versucht, mit der rechten Hand das V-Zeichen à la Mister Spock zu bilden – das mit jeweils zwei aneinandergelegten Fingern – und dazu den „Live long and prosper“-Spruch von sich zu geben. Sie schaute ihn böse, aber auch neugierig an, mit Augen, die auf ihn wie Schwarze Löcher im Zentrum zweier spiralförmig drehender Galaxien wirkten. „Hast du noch nicht genug wehrlose Frauen umgeschubst?“, klagte sie ihn in einem säuselnden Franko-Englisch an. „Wie meinst du das?“ „Du bist der Kerl aus der Zeitung, der Schubser, dieser idiotische Borat-Klon oder besser Borat-Clown, der arme Leute in Angst und Schrecken versetzt. Und nun wolltest du mich die Treppe runterstossen. Was habe ich dir getan?“  
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