Berlin in Kurzkrimis erleben

Es ist Sommer. Die Deutschen haben Urlaub. Und Berlin ist ein begehrtes Reiseziel! Doch nicht nur das: Es ist auch Stadt vieler Verbrechen! Der etwas andere Stadtführer für Berlin-Besucher, Berliner und Krimifans führt in 18 Reisetipps mit Handskizzen durch die turbulente Stadt abseits ausgetretener Touristenpfade – gekonnt verpackt in Kurzkrimis von Berliner Autoren. Sie Story wurden exklusiv für diesen Reiseführer geschrieben. Die kurzen Infos zu den Orten und Handskizzen zu jedem Krimi helfen bei der Tatortsuche. Die Täter: Martina Arnold, Horst Bosetzky(-ky), D. C. Chill, Andrea Gerecke, Stephan Hähnel, Kristina Herzog, Astrid Ann Jabusch, Swenja Karsten, Ute Kissling, Siegfried Langer, Thomas R.P. Mielke, Heidi Ramlow, Regine Röder, Connie Roters, Andreas M. Sturm, Angela Temming, Petra Tessendorf, Gisela Witte. Die Tatorte: Friedrichshain, Charlottenburg, Weißensee, Gesundbrunnen, Spandau, Tegel, Alexanderplatz, Prenzlauer Berg, Friedenau, Potsdamer Platz, Schöneberg, Britz, Alt Treptow, Wannsee, Baumschulenweg, Kreuzberg, Griebnitzsee bis Friedrichshain ................................................................................................................................................................................ Petra Tessendorf stammt aus dem Bergischen Land und arbeitet seit 1995 als Reporterin für eine Tageszeitung und verschiedene lokale Medien. 2010 wurde ihr Roman „Der Wald steht schwarz und schweiget“ im dtv-Verlag veröffentlicht. Ihre Kurzprosa erscheint ebenfalls bei dtv und verschiedenen anderen Verlagen. Nach acht Jahren in Ostholstein lebt sie mit ihrer Familie als Freie Autorin und Herausgeberin in Berlin. Mehr über Petra Tessendorf. ................................................................................................................................................................................

Petra Tessendorf im Verhör

Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden? Das habe ich gar nicht bewusst entschieden, das war der Verlag. Ich habe einen Roman geschrieben, in dem eine Leiche in einem Bach gefunden wurde. Also: Leiche = Krimi. Jedes Buch braucht sein passendes Regal. Was ist Ihre Lieblingstatwaffe? Wie es sich gerade ergibt. Frei nach dem Motto: Jeder kriegt das, was er verdient! Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Mord ist manchmal die bessere Lösung. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Kreuzberg. Sechs Zimmer, Küche, Diele, Tod Von Petra Tessendorf Seit zwanzig Minuten steht Vitus am Chamissoplatz hinter dem Typen mit dem iPhone am Ohr. Seither sind sie keinen Zentimeter nach vorn gerückt. Hinter Vitus haben sich bereits vier – nein, jetzt fünf – Leute angestellt. Zwei überlegen gerade, ob sie wieder gehen sollen. Vitus muss an seine Oma denken. Gerade heute noch hat sie wieder von den Mangelzeiten der Nachkriegszeit erzählt, vom ewigen Schlangestehen, von den „Erzeugungslücken“, die Oma Gerti bis heute geprägt haben. Und sie hat die Gesichter der Menschen von damals genauso beschrieben wie die der Leute, die gerade wartend auf dem Chamissoplatz herumstehen: ausdruckslos, genervt, hoffnungslos und doch hoffend. Und Vitus hat eines begriffen: Auch im Jahre 2014 wird wegen Mangels angestanden, nur halten die Menschen keine Reichseierkarte des Ernährungsamtes Berlin in Händen, sondern den Ausdruck eines Immobilienportals. Du hattest deine Ernährungslücke, Oma, denkt Vitus, ich werde meinen Enkeln von der Wohnraumlücke erzählen. Scheiße! Vitus zerknüllt seinen Immoscout-Ausdruck für die „Zauberhafte Singlewohnung im begehrten Bergmannkiez mit traumhaftem Ausblick“, geht über den Platz an den Ständen des Bio-Wochenmarkes vorbei, ohne sie wahrzunehmen, und trabt missmutig die Arndtstraße hinunter. Diese Wohnung hätte gepasst, ausnahmsweise mal kein „Erstbezug nach hochwertiger Sanierung, exklusiver Ausstattung bla bla“. Nicht umsonst stehen dort auch gefühlte hundert Leute Schlange. Wäre er doch bloß nicht weggezogen. Dieser Job in Hamburg hat sich als Sackgasse erwiesen, und nun sind die Mieten in Kreuzberg derart in die Höhe geschossen, dass er sich hier keine Wohnung mehr leisten kann, solange er keinen neuen Job findet. Und das hier, in seinem Quartier! Also ist er bei Oma Gerti eingezogen, die seit ihrer Geburt vor achtundachtzig Jahren in der Bergmannstraße lebt, zwischen Zigarrenladen und Spätkauf-Kaiser‘s. (Gerti hat viele Läden erlebt und ist mit der aktuellen Konstellation sehr zufrieden.) Natürlich hat Oma sich anfangs quergestellt (was sie immer macht, wenn etwas Neues auf sie zukommt). „Ich rauche und ich habe Blähungen und ich spiele mit meinen Freundinnen Doppelkopf bis in die Puppen und unser Kartenmischer macht Krach und ich weiß überhaupt nicht, wie ich so einen Unkrautesser ernähren soll.“ (Vitus ist Vegetarier.) „Buletten, Eisbein, gebratene Leber, Kasseler, Hackepeter, Blutwurst, Rollmops, alles giftig. Und nur Teltower Rübchen, davon kann kein junger Mann leben.“ Aber am Ende hat doch der Familiensinn gesiegt.  
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