Ein kleines Mädchen. Entführt. Tot.

Ein Familienvater. Verdächtigt. Verurteilt. Zehn Jahre später: Es ist Hochsommer, als die neunjährige Ulrike entführt wird – und in ihrem Gefängnis umkommt. Schnell findet sich ein Verdächtiger: Zeugen wollen Jens Brückner mit dem Mädchen gesehen haben. Bis zuletzt beteuert er seine Unschuld. Vergeblich. Zehn Jahre später wird Brückner aus der Haft entlassen. Er hat alles verloren: Arbeit, Freunde, Familie. Kurz darauf wird der Hauptbelastungszeuge von damals ermordet. Anonyme Drohbriefe kursieren, und Brückner ist plötzlich spurlos verschwunden. Ein Racheakt? Zu naheliegend, findet der ermittelnde Kommissar Arne Larsen. Und auch sein Vorgänger Gregor Harms, der sich noch immer die Schuld am Tod des Mädchens gibt, zweifelt inzwischen, ob er vor zehn Jahren den Richtigen hinter Gitter gebracht hat. Als schwere Unwetter Norddeutschland heimsuchen und wieder ein Kind verschwindet, scheinen sich die Ereignisse von damals auf unheilvolle Weise zu wiederholen. Doch diesmal vermag niemand zu sagen: Wer ist Opfer und wer Täter? Der Auftakt zur Reihe um den jungen, hochsensiblen und eigenwilligen Hauptkommissar Arne Larsen. ............................ Kritikerstimmen: "Thomas Nommensen ist ein Krimi-Autor, der nicht nur ein super Gespür für einen spannenden Aufbau hat. Auch sein Schreibstil ist richtig gut." Stefan Sprang, HR1 "Ein dunkler Sommer ist ein hochspannender, sehr intelligenter und durchdachter Kriminalroman, der durchaus Thriller-Elemente aufweist." Krimizeitschrift.de "Ein dunkler Sommer ist wie ein Albtraum, der auf meiner Brust lastet. So bildhaft hat Thomas Nommensen seinen Thriller inszeniert." Claudia Keikus, Berliner Kurier ................................................................................................................................................................................ Thomas Nommensen, geboren 1964 in Schleswig-Holstein, zog noch vor dem Fall der Mauer nach Berlin und arbeitete dort als Musiker, Toningenieur, Dozent und Software-Entwickler. Seine Kurzgeschichten aus den Bereichen Krimi und Thriller sind in verschiedenen Anthologien erschienen. 2010 wurde er für den Agatha-Christie-Preis nominiert und gewann den Freiburger Krimipreis (1. Platz). 2011 wurde er mit dem Agatha-Christie-Krimipreis (3. Platz) ausgezeichnet und erhielt den Deutschen E-Book Preis (2. Platz). Mit seiner Frau, der Autorin Jutta Maria Herrmann, lebt er vor den Toren von Berlin. Sein erster Kriminalroman, "Ein dunkler Sommer", erschien im Juni 2014. Mehr über Thomas Nommensen. ................................................................................................................................................................................

Thomas Nommensen im Verhör

Warum haben Sie sich für ein Leben mit dem Verbrechen entschieden? Über das Verbrechen zu schreiben, heißt über das Leben zu schreiben. Das ist Antrieb und Herausforderung in einem. Was ist Ihre Lieblingstatwaffe? Der menschliche Geist. Eine weniger kalkulierbare Waffe gibt es nicht. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Ich bitte Sie, wer wird denn so kleinlich sein und zählen! Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern." Erich Kästner ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Larsen steckt das Telefon zurück in die Tasche und sieht sich in der Küche um. An der Wand gegenüber fällt ihm ein bunter Kalender auf. Ein Kinderbild, gemalt mit Buntstiften. Darauf ein würfelförmiges Haus, eine Sonne mit Gesicht, ein paar bunte Personen, die sich an den Händen halten. Er kneift die Augen zusammen, weil er die Details nicht erkennen kann. „Das hat sie im ersten Jahr hier gemalt. Als das Haus noch im Rohbau war.“ Silke Wegner steht plötzlich wieder in der Küche und folgt seinem Blick. In der linken Hand knetet sie ein Taschentuch. „Die Kalender haben die Kinder in der Schule gemacht. Zu Weihnachten. Ulrike war ganz aufgeregt, weil sie nicht wusste, ob mir so etwas gefällt. Es sind noch mehr Bilder … für jeden Monat ein Bild. Das ist der August.“ „August?“, fragt Larsen leise. Silke Wegner hört die Frage nicht. Sie ist an die Arbeitsfläche getreten, füllt Kaffeepulver in einen Porzellanfilter. August, denkt Larsen. Frau Wegner nimmt den Kessel vom Herd, gießt heißes Wasser in den Filter. August, denkt Larsen. Natürlich. Dieser Kalender wird nicht mehr umgeblättert. Er wird für ewig dieses eine Motiv zeigen. Eine Kinderkritzelei, eine glückliche Familie, die ihr neues Haus bewundert, die Aussicht auf viele schöne Sommer, vielleicht wollen sie eine Schaukel aufstellen, im Winter Schneemänner bauen, das Grundstück ist groß genug. Ein Jahr später dann dieser eine schreckliche Tag. Warten, Gewissheit, Trauer, Wut, Resignation. Und seitdem ist es August. Immer derselbe August. Frau Wegner setzt sich an den Küchentisch. Sie wirft ihm einen Blick zu, den er nicht deuten kann. „Herr Larsen, entschuldigen Sie meinen Ausbruch eben. Sie müssen verstehen – ich möchte mir Ulrike so bewahren, wie sie war. Und diese ganzen schrecklichen Ereignisse, die möchte ich einfach vergessen. Für uns ist das alles erst gestern geschehen. Wir versuchen uns immer noch irgendwie mit dem Weiterleben zu arrangieren. Und jetzt kommen Sie und dieser Harms und kramen alles wieder hervor. Wir haben tausend Mal geredet – verstehen Sie? Schauen Sie doch in Ihre Akten, da steht doch schließlich alles drin.“ Larsen trinkt einen Schluck, zu schnell, die heiße Flüssigkeit brennt im Rachen. Er hustet, zieht ein Taschentuch hervor und tupft sich den Mund ab. Frau Wegner starrt an ihm vorbei auf das Kalenderbild. Für einen Moment ist es so still, dass Larsen selbst das Brummen des Kühlschranks als unerträglich empfindet. Er überlegt, wie er auf die Bemerkung reagieren soll, setzt ein paar Mal an, überlegt es sich aber doch anders. Das Gespräch ist für ihn beendet. Er verabschiedet sich kurz, bedankt sich für den Kaffee und verlässt Silke Wegner, die ihm mit versteinertem Gesicht wortlos zunickt. Als er aus dem schattigen Haus in die Sonne tritt, springt ihn die Hitze an wie ein wildes Tier. Schweiß drängt sofort auf seine Stirn. Und obwohl die heiße Luft in seinen Bronchien schmerzt, hat er das Gefühl, endlich wieder durchatmen zu können.  
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