Föhnstimmung und Frömmelei

Als das Skelett eines seit vielen Jahren vermissten Jungen aus dem Tiroler Achensee gefischt wird, stellt sich heraus, dass der damals verurteilte Journalist unschuldig ist und die Kripo schlampig gearbeitet hat. Das kränkt Oberst Heisenberg, der seinerzeit die Ermittlungen leitete, zutiefst. Unterstützt von Revierinspektorin Selma Tappeiner stellt er Nachforschungen an, die ihn in äußerst rechte Gefilde führen. Doch das Morden geht weiter, und der Täter ist ihm immer einen Schritt voraus ... Für ihr Debüt "Tod in Innsbruck" erhielt die Autorin den Friedrich-Glauser-Preis für das beste Krimi-Debüt des Jahres 2012. ................................................................................................................................................................................ Lena Avanzini Wenn die Tirolerin Lena Avanzini nicht Musik hört, macht oder vermittelt, mordet sie. Meistens in Innsbruck, in einem gemütlichen Café. Oder im Zug. Natürlich nur auf Papier. Mehr über Lena Avanzini. ................................................................................................................................................................................

Lena Avanzini im Verhör

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Mit fünf, als ich mich als Räuber Hotzenplotz verkleidet und das Keksversteck meiner Oma geplündert habe. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Ich bitte Sie, wer wird denn so kleinlich sein und zählen! Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Man gönnt sich ja sonst nichts. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

In siebenundsiebzig Metern Tiefe lag das Skelett, in eine schwarze Kunstlederdecke eingeschlagen und gut verschnürt wie in einem Kokon, und schien zu warten. Siebzehn Jahre wartete es schon, was für ein langes Larvenstadium! Aber Skelette haben Zeit, viel Zeit. Am oberen Ende klaffte der Kokon gerade weit genug auseinander, dass der kahle Schädel halb aus seiner Verpackung lugen konnte. Die leeren Augenhöhlen starrten ins Grün, ein samtiges, gruftiges Grün, das den Konturen der Kiesel und toten Hölzer ihre Schärfe nahm und die Unterschiede zwischen Tag und Nacht verwischte. Es verwandelte die Auswüchse der Schleimalgen, die die beiden Felsbrocken in der Nähe des Kokons überzogen, in tannengrüne Rauschebärte. Sie verliehen den Steinen das Aussehen von Marsbewohnern, die sich als Weihnachtsmänner verkleidet hatten. Das Skelett grinste – nicht wegen der kostümierten Marsmenschen, sondern weil kahle Schädel das eben so machen. Es bleckte dabei die Zähne, die wie eine Ahnung von Weiß und Metall durch das moosige Grabesgrün schimmerten. Ein Ausbund an Gutmütigkeit, als blicke es ohne Groll auf sein viel zu kurzes Leben zurück und habe sein grausames Schicksal akzeptiert, das eigentlich keinerlei Anlass zum Grinsen bot. Über Emotionen wie Rache, Wut, Trauer und Neid war es ebenso erhaben wie über die Temperatur des Wassers, die in dieser Tiefe selbst im Sommer selten über vier Plusgrade hinausging. Wenn es überhaupt etwas empfand – das Gefühlsleben von Skeletten ist leider weitgehend unerforscht – dann höchstens eine gewisse Langeweile. Denn in den siebzehn Jahren seiner Anwesenheit in dieser grünen Gruft war nichts Nennenswertes passiert. Sandkörnchen waren durch den Kokon gesickert, hatten sich auf den toten Körper gelegt, waren in jede seiner Poren gedrungen und hatten mit ihren mikroskopisch kleinen Zähnen an ihm genagt und den Verfall des Gewebes vorangetrieben, bis an Schädel, Brustkorb und Gliedmaßen nur noch die blanken Knochen übrig geblieben waren. Lediglich die etwas fetteren Körperteile wie Po und Bauch hatten sich mit der Zeit in eine feste, wächserne Substanz verwandelt.  
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