Sinnsuche, Sehnsucht, Suizid: Schicksale kunstvoll verknüpft

Leipzig: Die junge Jessica sucht nach ihren Wurzeln. Kommissar Lorenz Staufenberg sehnt sich nach dem Ruhestand. Die ehemalige Leistungssportlerin Elke stürzt sich vom Völkerschlachtdenkmal, und ein Arzt stirbt einen ungewöhnlichen Tod. Schicksale, die Jessica und Staufenberg zusammenführen. Und die viele Fragen aufwerfen: Hat ein Todesengel seine Finger im Spiel? Oder hängt alles mit den Dopingvorwürfen der Selbstmörderin Elke zusammen? Und was hat das alles mit dem früheren DDR-Regime zu tun? Kommissar Stauffenberg löst seinen letzten Fall – und muss gleichzeitig die wichtigste Entscheidung seines Lebens treffen. ................................................................................................................................................................................ Kerstin Lange, Jahrgang 1966, lebt mit Mann und Hund in Speyer. 2009 kehrte sie ihrer Tätigkeit als Bilanzbuchhalter den Rücken und begann zu schreiben. Seitdem kann sie auf eine stetig steigende Anzahl von Veröffentlichungen und einige Auszeichnungen blicken, u. A. war sie die Gewinnerin des Kurzkrimiwettbewerbs der S. Fischer Verlage und der Zeitschrift MAXI 2012. Mehr über die Autorin. ................................................................................................................................................................................

Kerstin Lange im Verhör

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Ich muss bekennen, dass ich bereits mit 9 Jahren in kriminelles Fahrwasser geriet und mich durch Lesen der einschlägigen Kriminalliteratur der Beihilfe schuldig machte. Täter wurde ich erst vor fünf Jahren. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? Die kleineren Vergehen kann ich kaum alle aufzählen. Mit Komplizen fällt es anfangs leichter. Als Einzeltäter bin ich fünf Mal straffällig geworden. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Ich bin nicht schuldfähig. Das ist ein Zwang, ich kann gar nicht anders. ................................................................................................................................................................................

Leseprobe

Elke Schönherr stieg die Stufen hoch. Mit der rechten Hand stützte sie sich an den rauen Mauersteinen ab. Die Wendeltreppe zur Aussichtsplattform war schmal und steil. Sie keuchte. Nach drei Schritten blieb sie stehen, schnappte nach Luft. Ihre Lungen brannten, der Hals schmerzte. Wie viele Stufen musste sie noch erklimmen? Sie wusste es nicht. Bei der fünfundfünfzigsten war sie gestolpert, hatte innehalten müssen und war durcheinandergeraten. Zählen, Keuchen, Luft holen und Achtgeben, dass sie die Füße hoch genug hob – das war zu viel auf einmal gewesen. Mit nach vorn gebeugtem Oberkörper und geschlossenen Augen hatte sie ihre Kräfte gesammelt, sich auf ihr Ziel konzentriert und war weitergegangen. Einatmen – eins, zwei. Ausatmen – eins, zwei, drei. Es war wichtig, dass sie diesen Rhythmus beibehielt. Von der Krypta bis zur Aussichtsplattform waren es dreihundert­ vierundsechzig Stufen. Es hatte Zeiten in ihrem Leben gegeben, in denen ihr diese Zahl keine Angst eingeflößt hatte. Die vielen Stufen hätten ihr nichts ausgemacht und wären ein ideales Trai­ ningsprogramm gewesen. Elke wäre hoch­ und runtergelaufen, hätte die Prozedur vermutlich sogar mehrfach wiederholt. Doch jetzt machte ihr Körper nicht mehr mit. Ihre Muskeln waren ver­ schwunden, hatten Fettgewebe Platz gemacht. Sie verfügte kaum noch über Kraft. Natürlich hätte sie den Aufzug nehmen können, doch heute wollte sie nicht den leichtesten Weg gehen. Ein letztes Mal wollte sie diesen unbändigen Stolz fühlen, der sich einstellte, wenn man den Kampf gegen den eigenen Körper gewonnen, etwas Unmögliches geschafft hatte. Sie lächelte, trotzte den Schmerzen. Dass selbst Treppensteigen für sie zum Hochleistungssport werden würde, wäre ihr als Teenager nie in den Sinn gekommen. Damals war ihr Weg vorgezeichnet gewesen. Elke hatte nie etwas anderes gewollt als Schwimmen. Sie hatte getan, was man ihr sagte, geschluckt, was man ihr gab. Die Verän­ derungen ihres Körpers abgetan, alle Warnhinweise ignoriert und sich über die immer besser werdenden Wettkampfzeiten gefreut.
Ein Lob des Trainers war wichtiger als Familie, Freunde oder andere Freizeitaktivitäten. Alles drehte sich um den Sport. Das Internat war ihr wie das Paradies erschienen, obwohl der Drill immens gewesen war. Ihr Ziel war immer nur Olympia. Sie hatte auf dem Treppchen stehen, ihren Fans zuwinken und so erfolgreich wie ihr Idol Barbara Krause werden wollen. Wieder musste sie innehalten, um Luft zu holen. Den Schwin­ del in ihrem Kopf missachtete sie. Stattdessen versuchte sie, sich an die Parolen des Trainers zu erinnern. »Elke, du schaffst es. Du kannst es! Du bist die Beste.« (…)
Elke lehnte sich erschöpft an die Mauer. Sie wartete, bis sich der Herzschlag beruhigte und der Schwindel verflog. Ihr Kreislauf war am Limit. T-Shirt und Haare nass, selbst die Unterhose klebte. Trotzdem lächelte sie. Das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig – der perfekte Ort. Ihr Blick wanderte zum Krematorium, das inmitten der Wiesen stand. Tod. Einsamkeit. Trauer. Ob auch jemand um sie trauern würde? Ihre Mutter sicher nicht, aber vielleicht Tante Miriam. Und hoffentlich Tanja. Wie viele zerstörte Träume hielt ein Mensch aus? Sie nahm Tanjas Brief aus der Gesäßtasche und zerriss ihn in kleine Fetzen. Schaute den weißen Schnipseln nach, wie sie vom Wind weit fortgetragen wurden. Ein leichter Windstoß kühlte ihre Haut. Ein letztes Mal schaute sich Elke um. Der Mann war fort, sie war allein. Es war niemand da, der sie abhalten konnte. Sie kletterte auf das Geländer und blickte in die Tiefe. Ihre Knie zitterten ein wenig, doch es gab kein Zurück. Die Papierreste waren fort. Es gab nichts, was sie aufhalten konnte. Eine Gänsehaut überzog ihren Körper, als der Wind auffrischte. Fast wie früher, dachte sie und lächelte. Es war ein guter Plan. Der beste, den sie seit langer Zeit gefasst hatte. Fliegen wie ein Vogel statt schwimmen wie ein Fisch. Sie breitete die Arme aus und ließ sich fallen.
 
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