Eiskalte Wintermorde für heiße Sommernächte

Gütersloh im Winter 2013, Dienstagnacht. Überstürzt verlässt Victoria Lirot das Haus, lediglich bekleidet in Schlafanzug und Mantel. Es ist kühl, doch die junge Frau wählt den Motorroller und lässt das Auto stehen. Eine Stunde später ist sie tot, brutal ermordet. Wovor ist Victoria geflüchtet oder was hatte sie vor? Am darauffolgenden Tag verunglückt ein Auto zwischen Gütersloh und Wiedenbrück. Die Kreispolizeibehörde ermittelt, und Kommissarin Sarah Berger und ihr neuer Partner Ahmet Yilmaz übernehmen den Fall. Die Untersuchung des Unfallorts liefert verblüffende Ergebnisse. Schnell wird klar: Zwischen Victorias Tot und der Unfall hängen zusammen. Die Spuren führen zu einem Start-up-Unternehmen, der Teuto Solarlicht. Undurchsichtig erscheint das Treiben ihrer Gesellschafter, folgenreich das, was sie tun. Als sich einer der Verdächtigen ins benachbarte Stromberg absetzt, konzentrieren die Ermittler ihre Suche auf das Burgdorf. Eine unberechenbare Jagd beginnt. ................................................................................................................................................................................ Erasmus Herold Erasmus Herold wuchs in Paderborn auf und lebt in Oelder Stadtteil Stromberg. Er arbeitet als IT-Leiter, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Seit 2009 schreibt er Romane. Laut eigener Aussage entspricht die Idee zum thematischen Aufbau seiner Krimis oft persönlichen Interessen, seien es komplexe Verstrickungen, lebensnahe Beschreibung seiner Protagonisten oder die Einbindung der Geschichte seiner Heimat Ostwestfalen. Nach seinem Debütroman, dem Zukunftskrimi "Krontenianer - Rendezvous am Bogen" folgten 2012 und 2013 die Krimis "Und ich vergebe dir nicht" und "Und dein Lohn ist der Tod". Mehr über den Autor. ................................................................................................................................................................................

Erasmus Herold im Verhör

Wann begann Ihre kriminelle Laufbahn? Im Jahr 2009 begann ich meinen ersten Krimi, eine Zukunftsgeschichte mit einer in 300 Jahren vorstellbaren Zukunft. Wie viele Verbrechen gehen auf Ihr Konto? „Und dein Lohn ist der Tod“ ist mein dritter Krimi. Gemeinsam mit „Und ich vergebe dir nicht“ spielen die letzten beiden Romane in Gütersloh. Was haben Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen? Seit drei Jahren (glaube ich zumindest) bin ich nun Mitglied im Syndikat. Eine tolle Gemeinschaft, eine tolle informative Homepage, und auch wenn ich es auf Grund der großen Entfernung noch nie zu einem Jahrestreffen geschafft habe, fühle ich mich in dieser Gruppe pudelwohl. ................................................................................................................................................................................ Leseprobe Ein kleines Geräusch hatte ausgereicht, um Victoria aufzuschrecken. Kurz nach zehn. Es war bereits dunkel und sie beinah eingeschlafen. Doch das Schlagen einer Tür oder Luke genügte, um hellhörig zu werden und sofort aufrecht im Bett zu sitzen. Obwohl Victoria sich in dieser Wohnung seit langem heimisch fühlte, war es nicht das eigene Zuhause und sie reagierte sensibel auf die Laute, die um sie herum erklangen. Ihr Freund, Niclas Klohse, war ausgegangen. Männerabend mit Freunden. Sie dagegen hatte entschieden zu warten, wollte sich später in der Nacht an ihn kuscheln und den nächsten Tag mit ihm verbringen. Genau genommen übernachtete die Sechsundzwanzigjährige nie mehr als drei Tage pro Woche in den eigenen zwei Zimmern an der Körnerstraße, Küche und Bad inklusive. „Gib deine Wohnung auf“, hatte Niclas schon mehrfach zu ihr gesagt, doch irgendwie fand Victoria bisher nicht den Absprung, glaubte so ihre Selbstständigkeit aufgeben zu müssen. Abermals ein ungewöhnliches Knarzen. Vor dem Haus, am Carport. Irgendwer oder irgendwas gehörte dort nicht hin, da war Victoria sich geradewegs sicher. Ein kurzes Zögern, dann verließ sie das Bett. Verängstigt und zugleich neugierig huschte sie zum Fenster, raffte mit einer Hand diskret den Vorhang beiseite und spähte auf den Weg zum Haus. Rechts parkte Niclas‘ Audi, er selbst hatte das Fahrrad genommen. Um besser sehen zu können, wechselte die junge Frau den Standort. Wie genau aus diesem Grund aufgehangen, eignete sich der sandfarbene Store hervorragend als Sichtschutz. Der unvermutete Anblick der aufstehenden Motorhaube ließ Victoria zusammenfahren, der Schein einer Taschenlampe ließ sie erstarren. Ein gelbschimmerndes Licht erhellte den Carport, leider zu schwach und zu kurz, um den Träger der Lampe im Lichtkegel zu zeigen. Victorias Herz raste, Adrenalin aktivierte ihren Körper in Vorbereitung auf den zu erwartenden Stress. Hastig und ohne ihren Blick abzuwenden, fingerte sie über das Sideboard neben dem Bett. Irgendwo hatte ihr Handy gelegen, da war sie sich sicher. Sollte sich doch die Polizei des nächtlichen Besuchers annehmen. Ihre Suche verlief erfolglos, daran änderte auch die kurze Suche nichts. Vor drei Monaten hatte Niclas das Festnetztelefon gekündigt. „Wer braucht so etwas im Zeitalter von Handyflatrates?“, hatte er gefragt. Ich!, dachte Victoria in diesem Moment. Sie erwischte sich in Gedanken mit der Frage beschäftigt, wie es nun weiter gehen würde? Alarm schlagen und so versuchen den Angreifer zu vertreiben? Oder Hilfe organisieren, hinten raus, über die Terrasse. Vielleicht würde ein Nachbar auf ihr Klingeln hin öffnen und in ihrem Namen die Polizei alarmieren? Zu so später Stunde? Für Erfolg versprechend hielt Victoria diesen Gedanken nicht. Also selbst zu Tat schreiten oder verharren und kapitulieren, wog sie ab. Auf Zehenspitzen eilte sie vom Schlafzimmer hinüber zum Flur. Der Wechsel in den benachbarten Raum wurde belohnt mit der Aussicht auf einen Mütze tragenden Eindringling in dunkelblauen Jeans und brauner Lodenjacke. Leider fehlten markantere Merkmale. Nervös wischte Victoria ihre rötlichen Fransen beiseite, die nach vorne ins Gesicht gefallen waren und rieb sich die Augen. Ein leiser Schlag, schon hatte der Unruhestifter die Motorhaube nach unten gedrückt und verschlossen. Der nächtliche Besucher hat Niclas‘ Audi sabotiert!, für Victoria die einzig logische Erklärung. Und genau diese Erkenntnis bereitete ihr Angst, sogar große Angst, denn es zeigte, wie einfach jemand Außenstehendes Victorias und Niclas‘ gemeinsames Glück gefährden konnte. Sie erschauderte. Wenigstens zwei weitere Stunden würden vergehen, bevor ihr Freund nach Hause käme. Eine lange Zeit voller Ungewissheit. Ohne Umschweife griff Victoria zum ersten Mantel des Garderobenhakens, suchte ein Paar Schuhe, da verließ die fremde Person bereits das Grundstück. Erstaunt über das abgebrühte Verhalten, sich bei der Sabotage weder umzuschauen, noch die Hauptstraße im Auge zu behalten, öffnete Victoria vorsichtig die Haustür. Schritt für Schritt folgte sie der Deckung der Lebensbäumchen. Ein unbekannter Lieferwagen parkte quer vor der Einfahrt, ein Transporter, vielleicht von Ford oder VW. Mit Autos kannte Victoria sich nicht besonders aus, aber das Logo auf der Beifahrerseite, war ihr nicht unbekannt. Reinigungsdienste Kroschewski prangte dort in blaugrünen Buchstaben, darunter einige funkelnde, gelbe Sternchen inklusive Handynummer. Kalter Wind zerzauste Victorias rötliches Haar. Sie knöpfte den Mantel bis oben zu und auch wenn sie den Winter mochte, in Schlafanzughose und mit den nackte Füßen in Turnschuhen, war es kühl. Die Wetterstation hatte zwölf Grad gezeigt, frei von Regen. Für diese Nacht eine gute Prognose. Unterdessen kehrte ihr Herzschlag zu einem gemäßigten Rhythmus zurück, doch die Anspannung blieb. Und genau das spürte sie, als die Tür des Lieferwagens schlug und ihr Herz von neuem zu rasen begann. Der Motor wurde gestartet, die Scheinwerfer sprangen an. Dies war der Moment, ein letztes Mal abzuwägen. Verdammt, wohin habe ich nur das Handy gelegt? Sie überdachte ihre Situation und wusste sogleich, wie sich viele andere Frauen in ihrer Situation verhalten hätten. Aber genau so, wollte sie selbst nicht sein. Dann war es soweit, der Transporter fuhr an. Ohne zu zögern tastete Victoria nach unten unter die Sitzbank ihres Piaggio Motorrollers und erhaschte den Schlüssel. Zündung, Motorstart. Für den Griff in das Staufach unter dem Sitz blieb keine Zeit, würde es halt eine Verfolgung ohne Helm werden. Surrend und mit ausgeschaltetem Licht verließ sie das Grundstück, bog nach rechts ab und folgte den roten Rücklichtern. Nummernschild: GT RK 383. Typisch!, dachte Victoria. RK für Reinigungsdienste Kroschewski. Ohne zu bremsen steuerte der Lieferwagen über die kommenden Kreuzungen und Victoria tat es ihm gleich. Die Verfolgung aufrecht zu halten, gestaltete sich einfach. Hielt der Fahrer doch konsequent die erlaubte innerstädtische Geschwindigkeit und das, obwohl die Stadt wie ausgestorben war. Eine Passantin mit Hund, zwei entgegenkommende Autos, ein Junge auf einem Fahrrad. Gütersloh schlief. Endlich begann der Motor des Piaggio Rollers, Hitze vom Antrieb abzustrahlen und die Beine der jungen Frau wärmten auf. Hin und wieder vergrößerte Victoria ihren Abstand und verließ den Sichtbereich der Außenspiegel des Lieferwagens. Auch ohne eigenes Scheinwerferlicht reichte die Straßenbeleuchtung aus, um entdeckt zu werden und einen besonnenen Fahrer aufzufallen. Nun aber holte sie auf, denn sie wusste, bis zu Kroschewskis Firmensitz verblieben wenige hundert Meter. Halb elf Uhr und inzwischen kannte Victoria das Nummernschild, besaß den Namen des Geschäftsinhabers und war im Bilde über Statur und Größe des Eindringlings, der an Niclas‘ Audi hantiert hatte. Kein schlechtes Ergebnis für ein paar Hobbyrecherchen, dachte sie. Noch ein paar Informationen zum Täter, vielleicht die Haarfarbe oder andere markante Merkmale des Gesichts, dann kann die Polizei übernehmen, ermitteln und den Audi auf Verdachtsmomente überprüfen. In ihren Gedanken verloren setze die Rollerfahrerin den Blinker zum Abbiegen. Orange pulsierendes Licht erhellte den dunklen Asphalt. Victoria fuhr erschrocken zusammen. Innerlich ohrfeigte sie sich für ihre Unüberlegtheit und riss den Richtungshebel auf Nullstellung. Vorsichtig bremste sie ab. Warum hatte sie nicht gleich die Hupe gedrückt, um auf sich aufmerksam zu machen? Was für ein Kardinalfehler! Unabhängig der Frage, ob Victoria bemerkt worden war, oder nicht, setzte der Transportwagen seinen eigenen Blinker, die Bremslichter flackerten rot und er bog nach links auf den kleinen Vorhof der Firma Kroschewski Reinigungsdienste. Victoria wechselte die Straßenseite, an einer abgesenkten Einfahrt befuhr sie den Bürgersteig und ließ den Roller auslaufen. Noch bevor sie einen ersten Blick auf den Firmenparkplatz werfen konnte, parkte sie den türkisfarbenen Scooter und stieg ab. An dieser Steller ihrer Verfolgung kam sich Victoria das erste Mal albern vor. Wie sie geschätzte zwei Kilometer von Niclas‘ Wohnung entfernt, an der Wand eines fremden Hauses lehnte, in ihrer notdürftigen Bekleidung aus naturfarbenem Wintermantel, gestreifter Pyjamahose und Turnschuhen. Die Haare zerzaust und die Wangen wahrscheinlich gleißend rot vom kühlen Fahrtwind. Nun ist es an der Zeit, meine Recherche abzuschließen. Wie Drillinge reihten sich die Kastenwagen von Kroschewskis kleiner Fahrzeugflotte hintereinander, glichen in ihrer schlichten Standardausstattung und mit dem blau grünen Schriftzug samt Sternen bis aufs Nummernschild einander. Einen Augenblick verharrte die Verfolgerin an der Ecke zum Grundstück und versuchte den Fahrer ausfindig zu machen. Doch da war nichts, außer Stille. Also begann Victoria ihre Spurenaufnahme. Das letzte Fahrzeug schied aus. GT RK 388, falsche Zulassung. Die beiden anderen Wagen waren quer zum Gebäude geparkt worden. Ohne den Standort zu verlassen, war keine Unterscheidung möglich. Über die Hauptstraße näherte sich ein Pkw. Um in ihrer fragwürdigen Kleidung nicht aufzufallen, zwängte Victoria sich zwischen dem ersten Transporter und der Hauswand hindurch. Das Geräusch einer knarrenden Wagentür ließ sie aufhorchen. Die rothaarige Frau holte tief Luft und hinterfragte ein weiteres Mal, was sie hier tat. Ihre ursprüngliche Angst war verflogen, inzwischen war es vielmehr Neugier gepaart mit kribbelnder Anspannung, die sie vorantrieb. Das zweite Fahrzeug war seit Stunden nicht bewegt worden, die Hand auf der Motorhaube lieferte den Beweis. Fehlender Platz zwischen Kühler und Hauswand zwang Victoria nach rechts. Ein verstohlener Rundumblick, da erklang ein weiteres Geräusch. Was habe ich schon zu befürchten?, überlegte Victoria. Wenn ich bemerkt werde, erzähle ich von der Suche nach meinem davongelaufen Hund. Niemand blickt den Zusammenhang zu Niclas‘ Wohnung. Erwartungsvoll trat sie aus ihrer Deckung heraus. Die Heckklappe des letzten Lieferwagens stand offen. Neugierig trat die junge Frau näher und entdeckte im Innern ein komplettes Sortiment an Reinigungsmaterialien, daneben eine Klappleiter, Besen, Haken und eine Wanne voller Tücher. Besonderes Interesse erweckte der Werkzeugkasten, der vollständig auseinandergeklappt worden war und so gar nicht in das Bild der ansonsten so aufgeräumten Ablagefläche passen wollte. Schritte hinter ihr ließen Victorias Puls nach oben schnellen. Ihre Beine zitterten, der Hals schnürte sich zusammen. Es war anders gelaufen, als geplant. Der Täter hatte sie überrascht. Sie drehte sich um. Die Zeit, die ihr blieb, reichte kaum aus, um die Person zu identifizieren. Der Hammer, der von oben auf sie zuschoss, zerschmetterte ihr Stirnbein und drang beim ersten Schlag bis ins Gehirn ein. Blut spritze strahlartig nach oben. Doch davon bekam Victoria nichts mehr mit.   * * * Frühere „Empfehlungen der Woche“ finden Sie hier >>