In dieser Woche empfehlen wir die für den Friedrich-Glauser Preis 2014 nominierten Kurzkrimis:

Raoul Biltgen – "Zwang heilt die Natur" in: Berner Blut (Gmeiner) Ein Mann erwacht im Psychiatriezentrum Münsingen. Er weiß nicht, wer er ist, und er kann offenbar keine Erinnerungen speichern. Nur indem er alles aufschreibt und immer wieder nachliest, kann er aus den Bruchstücken ein Ganzes zusammenfügen und kommt sich auf die Spur. Und schließlich auch einer tödlichen Wahrheit. Ein Text, der sich aus sich selbst herausschraubt: Biltgen baut eine vor Ideen sprühende Geschichte wie eine Escher-Treppe, die dem Leser förmlich den Kopf verdreht. ................................................................................................................................................................ Beatrix Kramlovsky – "Dreimäderlhaus" in: küche, diele, mord (KBV) Menschen können durch Musik dargestellt werden, davon ist Kramlovskys Protagonistin Berta überzeugt. Sich selbst sieht sie als Volkslied oder tröstlichen Wiegenkanon. Tröstlich für wen, will man fragen, denn Berta selbst fristet ein tristes Dasein als Haushälterin ihrer herrschsüchtigen Schwestern. Dank des genauen Blicks und der handwerklichen Meisterschaft der Autorin werden hinter scheinbar Alltäglichem plötzlich menschliche und geschwisterliche Abgründe sicht- und hörbar. Ein familiäres Drama mit einer ebenso betörenden wie beherzten Protagonistin. ................................................................................................................................................................ Barbara Krohn – "Totentanz in Regensburg" in: Regensburger Requiem (KBV) Nach einem Schlaganfall lebt Fräulein Blochinger im Altenheim. Glasklarer Verstand in einem hilflosen Körper, so erlebt und beschreibt sie ihr Dasein. Dessen Monotonie wird jäh unterbrochen, als ins Nachbarzimmer ausgerechnet der Mann einzieht, der einst ihr Leben zerstört hat. Krohn verleiht der Bewohnerin eine ganz eigene, humorvolle Stimme und zeichnet gleichzeitig ein beklemmendes Bild vom Alltag im Altenheim. Dabei kontrastiert sie die zu Ritualen erstarrten Gespräche und Abläufe an der Oberfläche mit den Abgründen, die in den Bewohnern schlummern. ................................................................................................................................................................ Alexander Pfeiffer – "Auf deine Lider senk ich Schlummer" in: küche, diele, mord (KBV) "Wenn man in unserem Job anfängt, Tagebuch zu schreiben, dann ist das der Anfang vom Ausstieg", weiß der namenlose Ich-Erzähler. Sein Job ist der des Dealers, der Ausstieg das erklärte Ziel. Ob der einsame Protagonist den Ausstieg schafft, enthüllt der Text nicht. Doch den Weg dahin zeichnet Pfeiffer beinahe beiläufig in mosaikartig angeordneten Szenen eines nächtlichen Großstadtdschungels. Eine Geschichte wie ein Film Noir, die sofort berührt, ihre Geheimnisse aber erst nach und nach preisgibt. Und eine Figur, die lange nachhallt. ................................................................................................................................................................ Franz Zeller – "Karottinger" in: Tatort Rathaus (Falter) Müller ist Müllmann, genannt wird er Mülli. Er ist Sammler aus Leidenschaft, und er hat ein Ziel: Er will aufsteigen. Sowohl territorial als auch hierarchisch spannt Zeller einen ganz eigenen Raum auf, entwirft aus dem Weggeworfenen einen Mikrokosmos des Mülls. Getragen wird diese Geschichte von der eigentümlichen Poesie, die der Autor aus Wiener Beamtensprache und fatalistisch gefärbter Müllmannsehnsucht webt.

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Für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte “Kurzkrimi” 2014 konnten Krimi-Kurzgeschichten eingereicht werden, die im Jahr 2013 in gedruckter Form (elektronische Veröffentlichungen wurden nicht berücksichtigt) erschienen sind. Die Kurzkrimis duften nicht länger als 20 Normseiten (30 Zeilen á 60 Anschläge) sein. Die Autoren mussten die Kurzkrimis selbst beim Jury-Sekretariat einsenden; Anthologie-Einsendungen von Verlagen konnten nicht berücksichtigt werden. Die Juroren waren: Mischa Bach, Helmut Maier, Judith Merchant, Gerd J. Merz, Clementine Skorpil Jury-Organisation: Susanne Kliem Alle 184 eingereichten Geschichten finden Sie hier >> 89.7K Der Preis in der Sparte „Kurzkrimi“ ist mit 1.000 € in bar in nicht fortlaufend nummerierten Scheinen dotiert. Der/die Preisträger/in wird auf dem „Tango Criminale“, der großen Abschlussgala bei der CRIMINALE 2014 in Nürnberg am Samstag, den 24. Mai 2014 verkündet und geehrt.