Der Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" ist dotiert mit 1.000 Euro in kleinen, nicht fortlaufend nummerierten Scheinen für die beste deutschsprachige Krimikurzgeschichte des vergangenen Jahres. Der Preisträger 2017 wurde am Samstag, den 6. Mai 2017 während der 31. CRIMINALE, des Jahrestreffens des SYNDIKATs, in Graz (Österreich) verkündet und geehrt.

Preisträger des Friedrich-Glauser-Preises 2017 in der Sparte "Kurzkrimi":

Thomas Kastura Plätzchen Punsch und PsychokillerThomas KasturaThomas Kastura
Genug ist genug, in: Plätzchen, Punsch und Psychokiller, Knaur
Fred Dennert, ein Autor dreißig unveröffentlichter Romane, kommt durch einen Sturz von einer Leiter in seiner Bibliothek ums Leben. Was zunächst wie ein Unfall aussieht, erweist sich bald als kaltblütiger Mord. Wer hat diesen auf den ersten Blick so bescheidenen Autor umgebracht, der nur im Stillen wirken wollte? Staatsanwalt Brandeisen, zugleich der beste Freund des Autors aus der Schulzeit, macht sich auf Spurensuche. Ins Visier seiner Privatermittlungen geraten bald drei Autoren, die sich auf die ein oder andere Weise offenbar seines Werks zu bemächtigen versucht haben. In dieser überaus vergnüglichen Geschichte von Thomas Kastura geht es um verkannte Autoren, um ihre Missgunst, ihren Neid und ihre Heuchelei. Der hellsichtige Autor Fred Dennert will sich all das, den ganzen Literaturbetrieb ersparen: Zwar schreibt er jedes Jahr einen Roman, aber er veröffentlicht sie nicht. Die Romane variieren alle die Geschichte A Christmas Carol von Charles Dickens, aktualisiert und am Puls der Zeit. Wir kennen diese berühmte Story: Scrooge, ein notorischer Geizhals, wird eines Nachts vom verstorbenen Mitinhaber seines Geschäfts und drei anderen Geistern heimgesucht. Nach einigen Irrungen und Wirrungen bringt ihn das schlussendlich dazu, sein Leben positiv zu ändern. Autor Fred Dennert macht aus dieser Grundidee ein existenzialistisches Drama (Scrooge wartet auf die Geister, aber sie kommen nicht), eine Remineszenz an das deutsche Regietheater der Siebziger- und Achtzigerjahre (die Geister sind Nazis und in SS-Uniformen gekleidet) und genrefähige Science Fiction in den Neunzigerjahren. In den 2000ern konzentriert er sich auf die Klassiker: Scrooge als Hamlet, Scrooge als Faust. Facettenreich und sprachmächtig erzählt Thomas Kastura eine unterhaltsame, spannende und irrwitzige Geschichte voller skurriler Einfälle – eine elegante Tour de Force durch die Literaturgeschichte mit vielen überraschenden Wendungen.


Bild & Musik: Ingo Buranaseda
Sprecherin: Nadine Buranaseda

Das SYNDIKAT gratuliert ganz herzlich!

Außerdem nominiert waren:

Raoul Biltgen Tatort HofburgRaoul BiltgenRaoul Biltgen
Helden – ein Wiener Mosaik, in: Tatort Hofburg, Falter Verlag

Wien im Januar. David Bowie ist tot, und unter dem Michaelertor spielt eine Frau Helden auf dem Cello. Rund um sie herum findet das Leben statt, das scheinbar ganz normale Leben. Ein Fiakerfahrer, eine Prostituierte, ein Priester, eine Witwe, ein Bowie-Fan und ein Touristenpaar, verschiedene Lebensentwürfe und Gedankenwelten, die das Mosaik bilden, in das Biltgen den Leser zwingt. Bestechend ist die Gleichzeitigkeit, beklemmend die Beiläufigkeit, mit der sich die Abgründe auftun und das Geschehen unerbittlich auf Eskalation, Gewalt und Katastrophe hinläuft. Eine Geschichte, die packt und deren subtiler Schrecken lange nachwirkt.




Peter Godazgar Handwerk hat blutigen BodenPeter GodazgarPeter Godazgar
Sicherheit ist planbar, in: Handwerk hat blutigen Boden, kbv

Du spürst, worauf es hinausläuft und kannst dennoch nicht aufhören zu lesen. Dass sich Peter Godazgar mit seiner Geschichte Sicherheit ist planbar dabei einer der stärksten Horrorgeschichten bedient, die wir in unserem Kulturkreis kennen, war zumindest nicht von Nachteil. Rund um den Antagonisten des Hänsel-und-Gretel-Märchens aber auch noch einen humorvollen Krimiplot zu kreieren, der spannend in die Gegenwart gehoben wird und dann doch noch ein überraschendes Ende liefert, hat die Jury schlichtweg begeistert. Dieser Text musste einfach in die Shortlist des Kurzglausers – schon allein aus Angst vor der Hexe.




Petra Ivanov Mord in Switzerland Band 2Petra IvanovPetra Ivanov
Das Geständnis,
 in: Mord in Switzerland, Band 2, Appenzeller Verlag
Eine Staatsanwältin, ein geständiger Tatverdächtiger, ein gelangweilter Pflichtverteidiger. Ein zähes Ringen um Recht und ungeschriebenes Gesetz. In jedem Satz treffen unausgesprochene Konventionen aufeinander, jede Geste kann zu kulturellen Missverständnissen führen, sich jede Annahme als Vorurteil entpuppen. In einem einzigen atemlosen Verhör prallen die Schweizer Juristin und der albanischstämmige Angeklagte aufeinander und aneinander ab, was Petra Ivanov so präzise und feinfühlig beschreibt, dass wir am Ende der Geschichte Schweißperlen auf der Stirn haben, als säßen wir selbst zwischen den Welten in dem karg eingerichteten Büro der Zürcher Staatsanwaltschaft.




Ella Theiss Suche Trödel finde LeicheElla TheissElla Theiss
Sehnsucht, in: Suche Trödel, finde Leiche, kbv
Wie wird aus einem liebenden Menschen ein unberechenbarer Stalker? Was treibt den Protagonisten dazu, dem Objekt seiner Begierde wehzutun? Wieso glaubt er sich gegenüber der Welt und seinem Opfer im Recht? Diesen Fragen geht Ella Theiss in ihrer Geschichte nach und blättert dabei leise im Lebens- und Erlebensbuch ihres Protagonisten, dessen Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung ihn mehr als einen Schritt zu weit gehen lässt. Die Jury war vom handwerklichen Können der Autorin, ihrem Gespür für die Figur und der Führung durch seine Gedankenwelt beeindruckt und nominiert deshalb die Kurzgeschichte Sehnsucht für den Glauser in der Sparte "Kurzkrimi".




Für den Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte "Kurzkrimi" 2017 konnten Krimi-Kurzgeschichten eingereicht werden, die im Jahr 2016 in gedruckter Form (elektronische Veröffentlichungen wurden nicht berücksichtigt) erschienen sind. Die Kurzkrimis duften nicht länger als 20 Normseiten (30 Zeilen á 60 Anschläge) sein. Die Autoren mussten die Kurzkrimis selbst beim Jurysekretariat einsenden.

Die Liste aller 136 eingereichten Werke können Sie hier herunterladen (PDF) 140.1K.

Die Juroren waren:

Christiane Geldmacher (Preisträgerin 2015), Michael Herzig, Robert Preis, Sabine Trinkaus, Fenna Williams
Juryorganisation: Gerald Hagemann