Nur ein Schubs
Jan Bobe

Nur ein Schubs

ein Gütersloh-Krimi

Vox-Rindvieh-Verlag M. Borner

400 Seiten, Taschenbuch, auch erschienen als E-Book bei Epubli ISBN: 9783748537496
3. Auflage, Oktober 2018
sofort lieferbar
ISBN 9783982015712
14,99 € [D]
     

Die Reihen auf dem Berliner Platz lichten sich. Ausgerechnet die ärmsten Seelen der Gütersloher Trinkerszene streichen reihenweise die Segel. Mal geraten sie vor dem Amtsgericht unter einen Lkw, mal knallen sie hinter der Martin-Luther-Kirche an einen Laternenpfahl, mal purzeln sie an der Alten Weberei in die Dalke und ertrinken. Selbst die zerbrochene Schnapsflasche an der Diekstraße entwickelt noch genügend tödliches Potenzial. Bei Polizei und Rettungsdienst macht sich Erleichterung breit. Nur allzu gern deckt man den Mantel des Vergessens über die Verblichenen, denn sie waren nicht gerade beliebt. Nur Dierk-Helge Reuter-Ritterling, der junge hyperaktiver Ermittlungsterrier vom 4. K, vermeint in den alkoholschwangeren Todesfällen ein Muster und damit die Handschrift eines Serientäters zu erkennen. 

Und welche Rolle spielt der illustre Bauunternehmer Sandmann, der plötzlich und unbegreiflich ein lukratives Projekt vor die Wand fährt, das Kapital abgreift und untertaucht? Waren die Verblichenen etwa Leichen aus seinem Keller? 
Dierk-Helge beißt sich in der Sache fest, allem Spott zum Trotz. Eigenständig nimmt er Ermittlungen auf, droht aber im Akten-Tsunami seines Massenkommissariats zu versumpfen. Hilfe bekommt er nur von den Streifenpolizisten seiner alten Dienstgruppe, die einmal mehr unter Beweis stellen, dass Polizei eine Kunst ist, die auf der Straße gelernt und ausgeübt wird und nicht in einem Büro.


"Nur ein Schubs" spielt in Gütersloh. An authentischen Orten erzählen reale Personen wahre Geschichten und spinnen einen Handlungsstrang, der quer durch Ostwestfalen bis nach Spanien, Griechenland und auch in die Karibik führt, schließlich aber unweigerlich wieder in Gütersloh endet. 

Es ist nicht das blutrünstige Gemetzel, sondern die Grauzone zwischen Unfallgeschehen, höherer Gewalt und Täterhandeln, die im Mittelpunkt steht. Figuren und Szenarien entstammen zu einem guten Teil der Realität. Wahr oder geflunkert, das ist die zentrale Frage der Handlung, die dem Leser auf jeder Seite neu gestellt wird.

Jan Bobe

Jan Bobe

Jan Bobe, Jahrgang 1959, ist gebürtiger und beständiger Gütersloher. Nach der 11. Klasse verließ er 1977 in einem spontanen Entschluss das Städtische Gymnasium und trat in den Polizeidienst ein. Der Ausbildung in Stukenbrock-Senne folgten zwei schöne Dienstjahre in Köln, dann ging es zurück in die Heimatstadt, die er zwanzig Jahre lang bestreifte, besonders gern nachts und zu Fuß.

Der Verwendung als Streifenpolizist und, nach erfolgtem Studium, als Dienstgruppenleiter folgten Stationen als Lehrer, Trainer, Dozent FH, Unfallermittler und schließlich als Leiter der Polizeiwache Halle - Westfalen.

Jan Bobe wohnt noch immer in Gütersloh im großelterlichen Haus, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Neben Polizeiberuf und Familie sind bei ihm die Neigungen durchaus weit gefächert. Eine nicht abzustreitende Bodenständigkeit steht großer Reiselust gegenüber, verschiedenste handwerkliche Ambitionen einem starker Hang zu guter Live-Musik, den er seit vielen Jahren in der eigenen Folk-Band auslebt.

Jan Bobe blickt auf 42 Jahre Polizeidienst zurück. Sein Erstlingswerk "Nur ein Schubs" hat, anders als die meisten Krimis, die uniformierte Polizei im Vordergrund. Es waren die ungezählten skurrilen, schrägen und lustigen Erlebnisse aus all der Zeit, die niedergeschrieben werden wollten und schließlich zu diesem Gütersloher Lokalkrimi führten, in dem wirkliche Personen auferstehen und wahre Geschichten erzählen.

 

Minnie

„Minnie!“

Nichts.„Miiiinniiie!“Nichts rührt sich.„Minnie! Kommße gezz?“

Minnie kommt nicht. Die ältliche dürre Pudeldame mit den spärlichen weißen Löckchen trippelt geschäftig durch den verwaisten Biergarten der Alten Weberei und hinunter zum Dalkeufer. Jene pudeltypische Mischung aus Arroganz und Eigensinn lässt es einfach nicht zu, dass sie auch nur den Kopf dreht, wenn sie gerufen wird.

„Minnie, kannze nich eima höan? Komm gezzofoat bei Fuß, Mamma friat!“

Unbeirrt wuselt Minnie die Böschung rauf und verschwindet im nebeligen Nieselregen erst mal hinter dem Kesselhaus, wo es immer so schön nach Ratten und Pipi riecht. Herta Dreismickertöns, Halterin und exaktes menschliches Ebenbild des treuen Tieres, zieht den pinkfarbenen Frotteebademantel enger um die schmächtigen Schultern und sehnt sich verzweifelt zurück in ihr völlig überheiztes Appartement im nahen Seniorenzentrum am Bachschemm. Gierig zieht sie an der bereits zweiten Zigarette dieses garstig kalten Junimorgens, als wolle sie aus dem Glimmstängel neben der dringend benötigten Nikotindosis auch noch ein Quäntchen Verbrennungswärme absaugen. Minnie würde schon kommen, nur eben nicht jetzt. Resigniert schweift Hertas Blick über das kleine Flüsschen zum anderen Ufer.

„Häascha nää, ham’se da aber wieda chetaacht!“

Hertas Argusauge, berüchtigt für seinen Scharfblick bei Nachbarn, Freunden und Verwandten, fokussiert den Spielplatz auf der anderen Seite, wo sich ein Schlachtfeld offenbart: Berge von Leergut, Plastiktüten, Pommesschalen und Pizzakartons.„Da braat mia doch eina’n Stoach. Gezz kuck dich dat ma an. Sso ssind sse, unsere leidigen Patröners, dat glaupzte nich! Den chanzen Tach faul auffe Naht liegen, dat könnse. Und krieg’n nix, aba auch chaanix inne Fitzen. Aber anständige Leute anpumpen, bis dattet füare nächste Pulle reicht. Bett und Heizung zaalt ja de Wohlfaat. Un alles andere heidewitzka duach’n Hals, wat kost die Welt.“Wollüstige Entrüstung macht sich breit in Herta und drängt die klamme Kälte in ihren dürren Knochen schlagartig in den Hintergrund. Der Tag ist gerettet, und nicht nur der. Was hier vor ihr liegt, bietet wunderbaren Gesprächstoff für mindestens eine Woche.

„Und dann schmeißense auch noch die schönen Klamotten wech, die se ausse Kleiderkammer cheschenkt kriejen.“

Eine schöne Fleecejacke von Wolfskin dümpelt im Flachwasser am Ufer.Minnie kommt geschäftig hinter dem Kesselhaus hervor und trippelt hurtig über die Brücke. Sie wühlt in den Abfällen, schlingt im Vorbeigehen einen Pizzarest herunter, obwohl sie irgendwann davon kotzen muss und stüskert etwas unbeholfen die Böschung hinab zum Flussufer.„Minnie!“ Der herrschaftliche Ruf vom jenseitigen Ufer verhallt wie immer ohne Wirkung. Im Gegenteil: Minnie sieht sich zu verwegeneren Taten angespornt. Die Fleecejacke hat es ihr angetan. Vorsichtig taucht sie ihre spillerigen Vorderläufe ins brackige Wasser und schnüffelt intensiv an dem Stoff.

„Minnie, komm ssobutz da raus! Musste denn imma inne Motsche ölen?“

„Du kannst mich mal“, scheint Minnie zu denken und wagt sich noch einen Schritt weiter ins eiskalte Wasser. Vorsichtig packt sie einen Jackenärmel mit den Zähnen und zieht.

„Minniiie, komm wech da, dat is Ba!“

Minnie zerrt kräftiger. Ein Knurren entweicht ihrer faltigen Kehle. Aber das Scheißding bewegt sich nicht die Bohne.„Minniiie! Gezz aba! Mamma holt den Stock!“Minnie stemmt ihre Spinnenbeinchen feste in den Schlick. Ein letzter, kräftiger Ruck, ein letztes, böses Knurren, und der Ärmel kommt frei.Unten hängt Entengrütze dran. Und eine Hand.

Gernot Bierwein

Kapitel 16

Gernot Bierwein starb, wie er gelebt hatte. Jämmerlich, widerlich, versoffen und verkommen. Immerhin war er, wenn schon sonst nichts auf der Welt, zumindest seinem Namen gerecht geworden. Denn die Menge und Vielfalt der verschiedenen berauschenden Mittel, die im Laufe seines 45-jährigen, völlig nutzlosen Lebens diese sackförmige Kehle hinuntergestürzt worden war, konnte mit allgemeinen humanmedizinischen Erfahrungswerten nicht in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden.

„Unglaublich, was der Mensch so aushält!“

PHM Jörg „Otto“ Krüger, selbst kein Kostverächter, beugte sich vor und beäugte die am Boden liegende Gestalt wie ein seltenes Insekt. Dabei hielt er einen guten Meter Sicherheitsabstand und die Hände fest auf dem Rücken verschränkt. Man weiß ja nie, was einen so anspringt. Bernhard zog mit einem lauten Schnalzer die doppelten Latex-Handschuhe von den Fingern. Der alte Sani winkte resigniert ab.

„Cheh mir wech mit dem, den happich in vierzich Dienstjahre öfter chefaahn wie meine Schwiegermutter!“

„Und jetzt überlegst du die ganze Zeit, was schlimmer war“, flachste Henry, der gerade vom NEF herüber geschlürt kam, den Totenschein locker in der linken Hand schwenkend. Auch er gönnte sich noch einen längeren Blick auf die Überreste dieses armseligen Exemplars der Gattung Homo Sapiens, auch er aus gebührendem Abstand und mit den Händen hinterm Rücken.

„Nee, da brauchste chaanix bei zu überlegen, vor allem nich, wennste mit dem da fährst. Unsere Mimose hat schon wieder offenen Hautausschlach.“

Neben dem RTW erblickte Henry Ron, den jungen Sani, der sich die Hände mit einem guten Viertelliter Desinfektionslösung schrubbte. Die entblößten Unterarme zeugten von intensivem Krafttraining und von langen Sitzungen im Tattoo-Studio. Henry erkannte martialische Motive mit gehörnten Fabelwesen, Schwertern und Streitäxten darauf und massive Anzeichen von Ekel im Gesicht. Der Junge schien deutlich zarter besaitet zu sein, als er nach außen hin vorgab.   Henrys Gedanken wanderten zurück. Landespolizeischule „Erich Klausener“ in der endlosen Senne, Grundlehrgang. Die Klasse 43 mit zwei Dutzend Frischlingen, alle noch grasgrün hinter den Ohren, lauschte fasziniert den Ausführungen des sagenhaften Polizeihauptkommissars Franz Kruse, der ihnen auf seine unnachahmliche, brillant-chaotische Art die Unantastbarkeit der menschlichen Würde nahebrachte.

So sehr Henry sich bemühte, auch er konnte in dem, was dort vor ihm lag, keinen Rest dieser Würde entdecken, obwohl sie laut PHK Kruse selbst einem solchen Körper immer noch latent innewohnte. Alkoholismus an sich entwickelt bereits ein Störpotenzial, das gewöhnlich für mehr als ein Leben reicht. Aber Gernot sprengte alle Normen. Wie er nüchtern war, war nicht bekannt, denn niemand hatte ihn jemals nüchtern erlebt. Ein leicht verkommener Malocher auf Müßiggang. Er fiel ganz einfach nicht auf, wenn er am späteren Vormittag in seinem unvermeidlichen verschlissenen Blaumann in Richtung Bermuda-Dreieck unterwegs war, jener kleinen, geschichtsträchtigen Grünanlage im Kreuzungsbereich Diekstraße / Fichtenstraße / Buxelstraße. Zwei Parkbänke und ein stets überquellender Mülleimer stellten mehr Lebensraum für ihn dar, als er brauchte. Hier gaben sich jeden Tag die Leistungstrinker der nahen Westfälischen Klinik ein Stelldichein. Es wurde krakeelt, geheult, gelacht, philosophiert und natürlich vor allem geschluckt. Kein Mensch konnte ermessen, wie viele Rückfälle die schwindsüchtigen Ligusterbüsche schon gesehen hatten, die immer erfolgloser versuchten, das sündige Treiben zwischen ihnen gnädig vor den Blicken genervter Anwohner und ahnungsloser Passanten zu verbergen.Aber wenn all die Seelen, die hier schon verloren gegangen waren, schreien könnten, dann müsste man rein aus Gründen der Verkehrssicherheit zum nahen Westring hin einen Lärmschutzwall bauen. Und damit ist auch klar, wie das Bermuda-Dreieck in Fachkreisen zu seinem Namen kam.

Gernot war anders als die anderen Strategen. Er lachte nicht, er schrie nicht, er weinte nicht, er philosophierte erst recht nicht. Gernot soff. Er setzte sich auf das linke Ende der linken Bank und trank. Sonst tat er nichts. Er sprach mit niemand, er stierte einfach nur stumpf vor sich hin und zog sich seine Einheiten rein. Das war nicht weiter schlimm, denn alle anderen um ihn herum soffen ja auch wie die Ketzer. Aber Gernot trank immer ohne Pause kontinuierlich bis zum Verlust der wesentlichen Körperfunktionen. Irgendwann ließ er die leere Flasche fallen, kippte kurz danach um und wurde dann je nach Zustand ins Polizeigewahrsam oder auf die Intensivstation eingeliefert.

All das ganze Elend dieser jämmerlichen Gestalt sah Henry nun in Gänze vor sich liegen. Den abgewetzten Blaumann, der unten herum von einer undefinierten Flüssigkeit durchtränkt war. Dann ein schwabbeliger Bauch, der zwischen dem Oberteil und einer grauen Doppelripp-Unterhose hervorquoll. Dazu die spärlichen, fettigen Haare, die wie üblich teils in alle Richtungen abstanden und teils am Kopf klebten. Letzterer war allerdings kaum erkennbar, denn er lag jetzt in einer tiefen, hellroten Blutpfütze.Die Todesursache konnte aus zwei Metern Entfernung mit bloßem Auge und ohne tiefgreifende rechtsmedizinische Kenntnisse bestimmt werden. Sie bestand in einer natürlich leeren Flasche Doppelwacholder, die ihrem Opfer infolge exzessiver Trunkenheit aus der Hand geglitten und am Boden zerschellt war. Der Flaschenboden, Zackenkranz nach oben, kam dabei dummerweise exakt dort zu liegen, wo Gernot Bierweins Kopf Minuten später aus gleichem Grund mit einem satten Klatscher aufschlug.